Was braucht der 5-Sterne-Stall?

17. Januar 2019

Viele Landwirte beschäftigen sich mit dem Neu-, An- und Umbau von Milchviehlaufställen. Bei erfolgreichen Betrieben steht die stetige Optimierung der Arbeitswirtschaft im Vordergrund. Das gelingt nur, wenn die Kuh bestens versorgt sowie betreut wird und somit gesund bleibt.

Neben der Arbeitswirtschaftlichkeit sollte eine optimale Betreuung der Kuh im Vordergrund stehen. Foto: Maucher

Die Kuh durchläuft in der Laktationsperiode unterschiedliche Stadien mit entsprechenden Anforderungen an die Fütterung und Haltung. Dafür müssen wir den Kühen spezielle „Sonderbereiche“ zur Verfügung stellen, damit die Anforderungen optimal für die Kuh – und arbeitseffizient für den Landwirt – sind.
Der Melkbereich-Ausgang ist der Flaschenhals bzw. die Drehscheibe zu den verschiedenen Selektionsbereichen im Laufstall. Er sollte über einen Nachwarteraum in einen Triebweg einmünden, sonst gibt es Stau. Ein oder mehrere Schwenktore, manuell oder automatisch gesteuert, lenken die speziellen Kühe in den Kurzzeit-Selektionsbereich mit Tränke, Futter sowie Liegebereich bei längerem Aufenthalt, z.B. für rindernde Kühe, Besamen, Behandlungen, Impfen.
Alle Selektionsbereiche dienen dem optimalen Herdenmanagement durch:
› gezieltere Tierbeobachtung
› einfaches Auffinden einzelner Tiere
› weniger Such- und Treib-Aufwand
› mehr Ruhe im Stall
› keine Beeinträchtigung unbeteiligter Kühe

Warum eine spezielle Gruppe für Trockensteher?
› bedarfsgerechte Fütterung mit anfangs weniger MJNEL, Rohprotein, Ca, K, aber mehr Rohfaser
› ein- oder zweiphasige Fütterung mit Vorbereitungsphase auf Laktation
› Verfettung verhindern mit BCS-Kontrolle – sonst Festliegen, Ketose, Azidose
› Erholungsphase für Euter, Klauen und vom Platzstress: Tiere gut und oft über Betreuergang beobachten Lage: möglichst in Nähe des Stalleingangs und/oder Büro

Anforderungen an den Abkalbebereich:
Damit ein Abkalbebereich von den Kühen auch angenommen wird, sollten kurze Wege von der Trockenstehergruppe / Laktationsherde z.B. über einen Treibgang zu diesem Bereich führen und rechtzeitig, einige Tage vor dem Kalbetermin, bereits umgestallt werden. Die Kuh sollte sich an die neue Umgebung und die Artgenossinnen gewöhnen können, damit das Abkalben stressfrei stattfinden kann. Viel Bewegungs- und Ausweichfläche unterstützt dies.
Weitere empfehlenswerte Details:
› Blickkontakt zur Herde
› eigener Wassertrog mit 60 cm Wasserspiegelhöhe und mehr als 20 l/min Durchfluss
› Fitness-Trank nach dem Abkalben
› Futter(-Tisch)zugang; Sicherheitsfressgitter als Fixierungsmöglichkeit
› reichlich Stroheinstreu (weich, sauber, trittfest) auf gut zu reinigendem Boden (mit Gefälle und Abfluss)
› Befahrbarkeit über Außentor zum Entmisten (tote Ecken bedeuten 
Handarbeit)
› Größe: größer als 4 x 4 m; ideal: Stroh-Gruppenbox (ca. 3 Kühe) mit mehr als 10 m2/Kuh, mit Separee für die abkalbende Kuh
› für „Einstreusparer“ geht auch Spaltenboden am Futtertisch (mit Spülmöglichkeit im Kanal) oder Schieberbahn (nur mechanisch bedienen!), evtl. auch mit Gummimatte
› Fixier- und Entmistungsmöglichkeit (mit Schwenkgitter), evtl. Eimermelkanlage
› Beobachtungsgang, Personenschlupf für leichteren Zugang, Büronähe, Kamera für nächtlichen Einsatz

Bei nicht allen Kühen verläuft die Geburt unkompliziert. Eine entsprechende Erholungsphase sollte der Kuh und dem Kalb deshalb im Abkalbebereich zugestanden werden. Erst dann wird sie zur Gruppe der Frischmelker umgestallt. Dort kann sie weiterhin beobachtet und gezielter betreut werden, bezüglich:
› Futteraufnahme, Körperkondition
› Fiebermessen; bei mehr als 39,5° C handeln
› Ketosetest, (subklinische Ketose, negative Energiebilanz)
› Sonderbehandlung; Infusion von Kalzium (oder Kalzium-Bolus), Glukose, Schmerzmittel etc.
› Nachgeburtsabgang kontrollieren
› Auch geeignet zur Erholung für: rangniedrige Tiere, Erstlaktierende, schwache, wackelige Kühe nach schwerer Geburt – zur intensiveren Beobachtung.
Für kleinere Betriebe ist eine Universalbucht ideal. Das ermöglicht durch weniger Trennungen und Umstallungen den Stress für Tier und Mensch zu reduzieren, ohne auf die optimale Betreuung der Tiere zu verzichten:
› Universalbucht für das Abkalben, für Frischmelker, Separieren für Besamer, Tierarzt, Klauenpflege u.ä.
› mit flexiblen Abtrennungen, z.B. (teleskopierbaren) Schwenkgittern oder Ketten.

Der Melk-Vorwarteraum dient dem zielgerichteten Zugang zum Melkbereich. Er sollte folgende Anforderungen erfüllen:
› mindestens 2 m2 Warteraumfläche pro Kuh
› Kombiniert mit Laufhof (Futtertisch, Tränke, Bürste, Liegeboxen, Kuhdusche, Ventilatorkühlluft) wird er attraktiver. Ein Laufhof-Schieber mit Nachtreibeinrichtung kann das Zutreiben übernehmen.
› überdachter, windgeschützter Melk-Zugangsbereich
› gerader, trichterförmiger Zugang zu Melkstand und Ausgang
› 3 bis 5 % ansteigend (Kühe gehen lieber aufwärts als abwärts); dies erleichtert die Reinigung des Bodens
› keine Stufen
› Bei Hitzestress: Luft aus Melkstand in 
Warteraum blasen. Das kühlt ab und sorgt für weniger Fliegenbelästigung und damit auch stressfreieres Melken
› Helligkeit/Beleuchtung im Wartebe- reich und im Melkstand lässt Kühe besser sehen.

Entwurfskonzept: Liegeboxenlaufstall für 60-80 TP (5-Sterne-Stall)

 

Die Klauen tragen die Milch

Gesunde Klauen sind im Laufstall unerlässlich, damit die Kuh die verschiedenen Funktionsbereiche im Stall ohne Schmerzen aufsuchen kann. Ein wichtiges Kennzeichen für Tierwohl ist ein fest installierter Klauenpflegebereich. Dort kann sofort zeitnah eine fachgerechte Klauenpflege erfolgen. Ein professioneller Klauenstand ist eine lohnende Investition in die Kuhgesundheit. Wer hat Lust eine Kuh aus der Herde auf rutschigem, schmutzigem Stallboden zum Klauenpflegestand zu treiben bzw. mit Halfter zu führen? Da gibt es „schönere Arbeiten“ zu erledigen. Aber „lahme Kühe“ kosten viel Geld. Sie laufen weniger zum Fressen, Saufen, Melken, weil sie Schmerzen haben – geben weniger Milch und verursachen später Tierarztkosten, fallen durch schlechte Brunsterkennung bzw. keine/späte Trächtigkeit und Tierabgänge negativ auf.
Planung eines Klauenpflegebereichs:
› Anordnung: über Zugang nach dem Melken oder Kurzzeit-Selektionsbereich;
› Die Kuh will zur Herde sehen und laufen; das erleichtert den Zugang zum Klauenstand
› Größe: mindestens 3 x 5 m, mit Strom, Wasser- und Abwasserregelung, helle Beleuchtung sowie Werkzeuge und Materialien in einem staubfreien Schrank.
› Der Klauenstand kann auch als Behandlungsstand dienen, für Euterkontrolle/-behandlung (AMS). Eine Ausführung mit Hub-Bühne erleichtert die Arbeiten zusätzlich.

Speziell beim Neubau eines Milchviehlaufstalles werden die höheren Baukosten für die großzügigere Platzgestaltung in den Sonderbereichen bei kurzfristiger/nicht nachhaltiger betriebswirtschaftlicher Betrachtung als ein Einsparbereich gesehen.
Die Baukosten sind v.a. in den ersten Nutzungsjahren nach dem Stallbau eine große Belastung. Denn die Bedienung des Kapitaldienstes für Zins und Tilgung des Darlehens besitzt aus Liquiditätsgründen oberste Priorität. Ob der investierende Landwirt dies leisten kann, ist eine wichtige Voraussetzung bei der staatlichen Investitionsförderung EIF. Ein Investitionskonzept muss vom Baubetreuer mithilfe der Buchführungsdaten des Landwirts erstellt werden. Aus der Betriebszweigauswertung (BZA) des Bayerischen Milchreports 2016 der Bayer. Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) sind bei Vollkosten von 52,2 ct/kg Milch z.B. nur 3,1 ct/kg für die Gebäudekosten und 1,3 ct/kg für Tierarzt und Medikamente im Durchschnitt ermittelt worden. Hauptkosten sind das Grundfutter mit 15,2 ct, Kraftfutter 9,7 ct und die Arbeitserledigungskosten 16,7 ct (inkl. Lohnansatz mit 10,3 ct) pro kg Milch. Abgeleitet von einer Baukostenauswertung der LfL belaufen sich die derzeitigen Gebäudekosten (ohne Technik) auf ca. 500 EUR pro m2 Stallfläche. Setzt man zusätzlich 2 m2/Kuh(-Komfort, Platz) in den Selektionsbereichen für ein Viertel der Herde an (entspricht 250 EUR/Kuh) und kalkuliert mit ca. 7 % Jahreskosten für Abschreibung (20 bis 25 Jahre) sowie Zinsansatz, Unterhalt und Versicherung, so ergeben sich daraus Mehrkosten von 17,50 EUR pro Kuh und Jahr. Bei einem Lohnansatz von 17,50 EUR/Arbeitsstunde wäre also nur die Einsparung von einer Arbeitsstunde pro Kuh und Jahr mit den Sonderbereichen erforderlich.
Weitere Zusatz-Nutzen wären aus der besseren Tierbeobachtung, vorbeugenden Tierbetreuung, optimierten Fütterung in Gruppen sowie geringeren Tierarztkosten vorstellbar. Neben den (Anfangs-)Stallbaukosten ist also v.a. die tägliche Arbeitseffizienz für den betrieblichen Erfolg verantwortlich.

 

Für Mensch und Tier

Die Kuh durchläuft in einer Laktation verschiedene Stadien, die bezüglich der Fütterung und Haltung sowie der Tierbeobachtung und Kontrolle in speziellen Tiergruppen bedarfsgerechter gelingt (Sonderbereiche). Anhaltswerte bei kontinuierlicher Abkalbung, in % der Herdengröße:
› 75 % Laktierende (Hoch-/Niederlaktierende)
› 12 bis 15 % Trockensteher
› 4 % Abkalbebereich
› 6 (bis 15) % Frischmelker mit Erstlaktierenden, Rangniedrigen
- Vor- und Nachwartebereich beim Melken
› 4 % Kurzzeitselektionsplätze für Rindernde, Besamen, Behandeln oder als Reserve für die anderen Bereiche

Intelligenter Stallbau zeigt sich an übersichtlich und effizient organisierten Arbeitsabläufen, die Mensch und Tier gefallen. Der Rücktriebweg nach dem Melken über Selektionstore, flexible Abtrennhilfen wie teleskopierbare Schwenktore, gestattet einen an die Herdenstruktur und deren Größe angepassten Umfang der Sonderbereiche.
Meinrad Klein, AELF Kaufbeuren

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