Kompakt-TMR: „À la Carte“ unerwünscht

17. Januar 2019

Wenn Kühe die vorgelegte Ration beim Fressen selektieren, können sie nicht von den ernährungsphysiologischen Vorteilen der TMR-Fütterung profitieren und sie werden u.U. nicht leistungsgerecht versorgt. Der Ansatz in der Fütterung ist die Kompakt-TMR, die in Dänemark entwickelt wurde – eine Neubetrachtung.

Gut gemischt: Die Kühe sollten auch nach längerer Futtervorlage noch von oben fressen.
Foto: Niels Kristensen

Einfach gesagt ist die Kompakt-TMR eine TMR-Futtermischung, die durch eine spezielle Zubereitungsform nicht mehr durch die Kühe selektiert werden kann.
Kühe wühlen und schieben das Futter, um bis zum Grund zu gelangen. „Tunnelfraß“ ist ein weit verbreitetes Phänomen. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass Kühe beim Fressen selektieren, ist auch, wenn bei der frischen Vorlage die Tiere zum Futtertisch kommen, um beim „Wahlmenü“ ganz vorn zu stehen.
Der Grund, dass die einzelnen Futtermittel nach dem Mischvorgang wieder auseinanderselektiert werden können ist z.T. technischer Natur. Denn Mischwagen sind nicht immer in der Lage, einen gleichmäßigen Futterfluss beim Mischvorgang aufrechtzuerhalten, weshalb einzelne Komponenten oder Bestandteile nicht eingemischt werden und keine homogene Ration entsteht. Aber auch das Einmischen kleiner Rationsbestandteile oder flüssiger Rationskomponenten stellt immer eine besondere Herausforderung dar. Die Folge sind oft verklumpte kleine Grassilagebüschel, die beim Fressen sehr leicht aussortiert werden können. Wenn man eine TMR-Probe per Hand wieder in einzelne Bestandteile „zerlegen“ kann, kann die Kuh das beim Fressen auch.
Je mehr die Kühe selektieren, desto stärker schwankt die Futteraufnahme einzelner Tiere – mit entsprechenden Folgen für die Tiergesundheit und auf die Leistung. Ein häufig gehörtes Argument ist dann: „Die Ration melkt nicht so, wie sie sollte.“

Wie kann man sortieren vermeiden?

Im Kompakt-TMR-Konzept gibt es zwei wichtige Mittel, um eine homogene Mischung zu erzielen. Zu Beginn des Mischvorgangs wird Wasser im Verhältnis 1 Teil Wasser zu 1 Teil Konzentratfutter zugegeben. Damit die trockenen Konzentrate das Wasser absorbieren können, bleibt diese Vormischung zum Einweichen ein bis max. zwölf Stunden (bei Trockenschnitzeln) stehen.
Im zweiten Schritt schließt sich ein zweistufiges Mischprotokoll an. Zunächst werden Grassilage, Stroh, Heu oder andere Grobfutterkomponenten zugemischt. Diese Futterpartikel bilden gewissermaßen das Skelett der Mischung, denn hier haften sich die jetzt feuchten Konzentrate dauerhaft an und werden so gleichmäßig untergemischt. Dieser Mischvorgang sollte ca. 20 min. dauern. Dann wird im letzten Schritt bei laufendem Mischwagen die Maissilage zugegeben und erneut ca. 15 min. gemischt. Die Mischzeit in den einzelnen Phasen richtet sich danach, ob die Grobfuttermittel noch zusätzlich zerkleinert werden müssen, aber auch danach, wie gut der Mischwagen die Bestandteile mischen kann und wie lange es dauert, bis die Konzentratteile dauerhaft am „Skelett“ haften.

Es gibt drei wichtige Kontrollpunkte für die Kompakt-TMR:


1. Kontrolle des Mischwagens: Ist die Funktionalität aller Teile im Mischwagen gegeben (Messer: Länge, Schärfe)? Wie sind die Messer angebracht, sind die Mitnehmer funktionsfähig? Vor allem bei Vertikalmischern überprüfen, ob im Spalt zwischen Messer und Seitenwand Futter stehen bleibt. Eventuell ist ein Nachrüsten oder Verlängern von Mitnehmern erforderlich. Die Futterbewegung sollte beim Mischvorgang genau beobachtet werden: Bewegt sich der gesamte Futterberg oder gibt es Teilbereiche, die „stehen“?

2. Wie die vorgelegte TMR aussieht – mit den Augen der Kuh gesehen: Die gemischte TMR muss kontrolliert werden. Wenn man einzelne Bestandteile erkennen kann, kann die Kuh diese Teile aussortieren. Gibt es Grasbüschel, Maissilageklumpen? Dann ist die Mischung nicht gut genug gemischt. Wenn keine einzelnen Bestandteile mehr erkennbar sind, aber Klumpen oder andere Strukturbestandteile zu finden sind, die viel Kraftfutteranhaftungen haben, ist entweder der Anteil an zugegebenem Wasser zu gering oder der Mixer muss beim Mischvorgang schneller oder/und länger laufen. Beim Vergleich der frischen TMR mit dem Restfutter vom Vortrag sollte es keine Unterschiede geben.

3. Verhalten der Kühe kontrollieren:
Schon am Kuhverhalten kann man den Mischerfolg ablesen: Wenn die Kühe bei der frischen Vorlage oder auch beim Futteranschieben an den Futtertisch kommen, bedeutet das entweder, dass die vorgelegte Futtermenge zu gering war oder dass die Kühe eine besondere „Belohnung“ erwarten. Wenn die Kühe aber mehr oder weniger unbeteiligt bleiben, wenn Futter vorgelegt oder angeschoben wird, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie keine Gelegenheit haben, Rationsbestandteile zu selektieren. Ein Erfahrungswert ist, dass bei frischer Vorlage nie mehr als 10 bis 15 % der Tiere zum Futtertisch kommen. Neben dem Fressverhalten ist auch das Kontrollieren und Steuern der Restfuttermenge entscheidend. 2 % bzw. 1 kg Restfutter wird als unterste Grenze angesehen, um optimale Futteraufnahmen zu erzielen. Aber die Restfuttermenge ist auch ein wichtiges Kontrollinstrument. Fressen die Kühe mehr, verschenkt man Potenzial. Bleibt noch mehr Restfutter übrig, stimmt irgendetwas mit der Mischung oder der Ration (Schmackhaftigkeit? Feuchtegehalt?) nicht. Das bedeutet, dass die Trockenmasseaufnahme immer sehr genau kontrolliert werden muss. Gerade am Anfang ist das von elementarer Bedeutung. Wenn die Kühe weniger Zeit am Futtertisch verbringen, ist eine logische Konsequenz, dass sie mehr Zeit zum Liegen haben. Darum darf der Liegeboxenkomfort keine Wünsche offen lassen, weil die Kühe im Schnitt eine Stunde länger liegen können, was sich wiederum mittelfristig auf die Klauengesundheit sehr positiv auswirken sollte.

Für das praktische Fütterungsmanagement sollte beachtet werde, dass bei steigenden Temperaturen die Stabilität der vorgelegten Ration durch Säurezugabe unterstützt werden sollte. Betriebe, die mehrere Mischungen pro Tag machen, können, um Arbeits- und Mischzeit zu sparen, den ersten Schritt, das Anfeuchten mit einer größeren Menge machen und diese Vormischung dann für mehrere Rationen verwenden.

Kühe sind ganz hervorragend darin, die feinen Kraftfutteranteile aus einer Ration zu sortieren.
Foto: Möcklinghoff-Wicke

Was ergibt der Praxistest?

Erste Versuche in der Praxis zeigen, dass die Fresszeiten verkürzt sind und die Milchleistung trotzdem steigt. Seit vier Jahren wird die Kompakt-TMR in mehr als 100 Betrieben gefüttert, und das mit erstaunlichen Erfolgen. Denn: Zwei Drittel aller herkömmlich gemischten Rationen entsprechen nicht dem Ziel und der Definition einer Mischration, so Prof. Niels Bastian Kristensen, der „Vater“ der Kompakt-TMR aus Dänemark. Kristensen, der sich bereits seit über 20 Jahren wissenschaftlich mit dem Thema TMR beschäftigt, hatte herausgefunden, dass die Mehrheit der vorgelegten TMR-Mischungen nicht dem Grundprinzip einer homogenen, gleichmäßigen Mischung gerecht wurde. Diese schlecht gemischten Rationen konnten (und können) leicht selektiert werden, sodass die Kühe schnell eine chronische Pansenübersäuerung bekommen können.

Eigentlich sollte in einem Forschungsprojekt herausgefunden werden, warum die Schwankungen bei TMR-Rationen in den Betrieben so groß sind. Dabei fielen Betriebe auf, die deutlich feuchtere Rationen fütterten als andere, und trotzdem Kuhgesundheit und Leistung gut waren. Das war die Geburtsstunde der Kompakt-TMR.
In bisherigen Praxisfeldversuchen zeigt sich, dass die Kühe durch eine effizientere Verdauung bei einer Kompakt-TMR 5 % und mehr Milch produzieren können. Ein weiterer Nebeneffekt: Es gibt keine zu fetten Kühe mehr. Die ca. 100 Betriebe, die in Dänemark „kompakt füttern“, haben eine um ca. 500 kg höhere Milchleistung als der dänische Durchschnitt.

Was gibt es zu beachten?

Die Kompakt-TMR hat zwei Ziele: das Futter so vollständig mischen, dass ein Sortieren durch die Kühe ausgeschlossen wird (damit auch ein Futterrest von max. 2 % möglich ist) und die „Struktur“ physikalisch aufschließen, sodass sich Futterkomponenten dauerhaft zusammen mischen lassen. Für Kristensen ist klar, dass in der Vergangenheit TMR- Rationen deutlich zu wenig gemischt waren, weil die Milcherzeuger Angst hatten, die physikalische Struktur des Futters könnte durch den Mixereinfluss negativ beeinträchtigt werden.
Wie die Erfahrung zeigt, ist die Ernährung „tolerant“, solange die Pansenmikroben mit genügend Substrat versorgt werden. Wichtig dabei ist, sicherzustellen, dass alle Kühe über 24 Stunden ad libitum fressen können und 2 % Futterreste eingehalten werden. Das Sortieren von Futterbestandteilen wirkt sich negativ auf die ausbilanzierte Versorgung der Kühe aus. Außerdem braucht das Selektieren Zeit, d.h. die Kühe stehen viel zu lange am Futtertisch. Mit negativen Folgen für die Klauengesundheit und einem erhöhten Stresslevel für die Tiere. Das Selektieren bedingt, dass einzelne Kühe vollständig unterschiedliche Rationen fressen und kaum eine Kuh wirklich die Ration frisst, die für ihre Leistung berechnet wurde. Die Kompakt-TMR sieht wie ein feuchtes Nebenprodukt aus, keine einzelnen Komponenten sind mehr zu erkennen und wenn man einen Ball formt, ist der feucht in der Hand, aber es tritt kein Wasser aus (ca. 35 %TM). Die Ration „stachelt“ nicht in der Hand und sichtbare Struktur sind nicht auszumachen. Die Maissilage sollte eine Länge von unter 10 mm haben und auch die Grassilage ist deutlich kürzer als in der herkömmlichen Empfehlung.
In Dänemark konnten Betriebe nach dem Füttern einer Kompakt-TMR innerhalb von 30 bis 45 Tagen eine Veränderung der Milchleistung von 0 bis 4 kg ECM Milch pro Kuh feststellen.

Keine Garantie zum Gelingen

Auch wenn sich das Konzept der Kompakt-TMR zunächst sehr einfach und auch einleuchtend anhört – wenn man außer Acht lässt, dass viele Grundlagen der Kuhfütterung in Frage gestellt werden – es ist nicht so einfach. Wesentliche Grundlage ist die Technik des Mischwagens – wenn die Messer nicht gut arbeiten, wenn die Mitnehmer nicht den gesamten Futterstock im Wagen bewegen, wenn mit zu wenig Umdrehungen pro Minute gearbeitet wird, wird das Ergebnis nicht gut genug sein. Oberstes Gebot ist: Niemals den Mischer anhalten, und die gesamte Mischung muss immer in Bewegung sein. Da Horizontalmischer in der Regel aktiver mischen als Vertikalmischer, sind sie leicht im Vorteil bei einer Kompakt-TMR. Ebenso wichtig ist die genaue und kontinuierliche Kontrolle der Kühe, der Trockenmasseaufnahme und der Futterreste. Für die Arbeitsorganisation muss bedacht werden, dass sich die Mischzeit erheblich verlängert, damit auch der Dieseleinsatz erhöht wird. Wer meint, Zeit bei den einzelnen Mischphasen einsparen zu können, wird Schiffbruch erleiden. Auch vom bisher gewollten Bild einen vollen Futtertisch zu sehen, muss man sich verabschieden. Bevor man also auf eine Kompakt-TMR umschwenken möchte, sollten die Vor- und Nachteile genau bedacht werden.

Sibylle Möcklinghoff-Wicke

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