Gesund von Anfang an

12. August 2021

Für eine erfolgreiche Kälberaufzucht müssen alle Bedingungen von der Wahl des Deckbullen bis hin zum Haltungsmanagement stimmen. Denn ein guter Start ins Leben bildet die Grundlage für eine erfolgreiche und wirtschaftliche Milchviehhaltung. Worauf es zu achten gilt.

Betrieb: Robert Widmann

 

Die Gesundheit des Kalbes beginnt mit der Auswahl des geeigneten Deckbullen. In Zuchtentscheidungen sollte auch die Leichtkalbigkeit als Kriterium einfließen. Einen Anhaltspunkt kann die Bewertung des Kalbeverlaufs aus den Zuchtkatalogen liefern. Weiter geht es mit der Entwicklung des Kalbes im Mutterleib. Eine gute und ausgeglichene Futterversorgung und Haltung der Kuh während der gesamten Trächtigkeit sind Voraussetzung für die gute Versorgung des Embryos und damit auch der erste Grundstein für ein sich gut entwickelndes Kalb mit Potential für eine leistungsfähige Kuh.

Im Speziellen beeinflusst die Fütterung der trockenstehenden Kuh den Geburtsverlauf und somit den Start ins Leben für das Kalb maßgeblich. Wichtig für die Kuh und deren Gesundheit ist ein ausreichendes Futterangebot von bester Qualität. Das Futter soll täglich frisch vorgelegt werden und durch regelmäßiges Nachschieben zur ständigen Verfügung stehen. In den 6–8 Wochen Trockenstehzeit hat sich eine Phasenfütterung bewährt. In der Frühtrockenstehzeit kann die Milchviehration mit strukturreichem, energiearmem Futter verdünnt werden oder extensives Heu vorgelegt werden. Ziel ist, dass die trockenstehenden Kühe und vor allem die Färsen nicht verfetten, um Geburts- und Fruchtbarkeitsproblemen vorzubeugen.

Mutterkühe gut versorgen

Im Sommer können die Tiere in dieser Zeit auf der Weide gehalten werden. Zwei Wochen vor der Kalbung sollte der Energiegehalt der Ration wieder angehoben werden und wenn möglich eine Anfütterung mit Kraftfutter erfolgen. Besonders wirkungsvoll sind Leinprodukte und pansenfreundliche Produkte wie Kleie und Körnermais. Auch bei Trockenstehern auf der Weide sollte in die letzte Zeit vor der Geburt auf eine ausreichende Grundfutteraufnahme geachtet werden. Wenn die Weide nicht genug Futter hergibt, kann eine Zufütterung im Stall oder auf der Weide sinnvoll sein.

Genauso wichtig wie eine gute Grundfutterversorgung ist die Sicherstellung von sauberem Wasser im Stall und auf der Weide (Durchflussmenge einer Tränke sollte bei mindestens 15 Liter/Minute liegen). Um die Gefahr von Milchfieber und Mangelerscheinungen wie Nachgeburtsverhalten und Trinkschwäche bei Kälbern zu vermeiden, ist die richtige Mineralstoffversorgung der Kuh mit einem speziellem Trockenstehermineral wichtig.

Pro Tag sollte eine Kuh etwa 100–150 g Mineralfutter aufnehmen – auch auf der Weide. Das Mineralfutter sollte neben einem Ca:P Verhältnis von unter 1:1 einen Magnesiumgehalt von mindestens 5 % aufweisen und folgende Vitamine und Spurenelemente enthalten: 8.000 i.E. Vit. A, 100.000 i.E. Vit. D, 4000 i.E. Vit E, min. 40 mg Selen, 4000 mg Mn. Geburtsvorbereitend können Kühe, bei denen Schwierigkeiten zu erwarten sind, auch homöopathisch unterstützt werden. Dazu empfiehlt die Tierheilpraktikerin Birgit Gnadl die Verabreichung von Caulophyllum C30 vier Wochen vor der Geburt im Fünftagesabstand bis zur Geburt.

Von Geburt an gesund

Um mögliche Infektionen bei Kalb und Kuh zu vermeiden, ist auf ein sauberes Geburtsumfeld, am besten in einer Abkalbebox (Achtung! Abkalbebox ist keine Krankenbox!), zu achten. Hat die Geburt begonnen, ist Zeit oft der beste „Geburtshelfer“. Ein zu frühes Eingreifen kann Kuh und Kalb unnötig stressen und häufig ist auch gar kein Eingriff notwendig. Wenn eine Geburtshilfe nötig sein sollte, ist darauf zu achten, dass diese möglichst sanft und während den Wehen geschieht. Zwischen dem Platzen der Fruchtblase bis zur Geburt des Kalbes können bei Kühen 3, bei Färsen 4 bis 6 Stunden vergehen, ohne dass ein Eingriff notwendig wäre. Ein zu frühes Eingreifen, verbunden mit Hektik und Stress, kann eine Geburt erst zu einer Schwergeburt werden lassen. Damit der Infektionsdruck möglichst niedrig gehalten wird, ist auf Hygiene (saubere Hände und Geburtstricke usw.) zu achten.

Nach der Geburt ist eine umgehende Kontrolle der Vitalität notwendig. Das Neugeborene sollte 1–2 Minuten nach der Kalbung eine aufrechte Kopfhaltung in Brustlage haben. Außerdem muss auf eine regelmäßige und tiefe Nasenatmung geachtet werden. Ist das nicht der Fall, sollte ein Atemstimulanz auf die Nase aufgetragen werden und die Atmung durch eine Massage unterstützt bzw. angeregt werden. Manchmal hilft auch ein Eimer kaltes Wasser, der über den Nacken bzw. Rücken des Kalbes geschüttet wird. Im Falle einer Fruchtwasserrespiration ist das Aufhängen des Kalbes z. B. über die Boxabtrennung nötig, damit der Schleim kopfüber leichter ablaufen kann.

Wichtig ist auch die Kontrolle des Nabels, um einer Entzündung vorzubeugen. Dazu sollte der Nabel zwar begutachtet, aber möglichst nicht mit den Händen berührt werden. Der Nabel reißt in der Regel eine bis eineinhalb Handbreit von der Bauchdecke entfernt ab und muss im Normalfall nicht desinfiziert werden. Die Nabelschnur trocknet nach vier Tagen ab und sollte nach etwa 14 Tagen abfallen. Die häufigsten Ursachen für eine Nabelentzündung sind mangelnde Hygiene bei der Geburtshilfe, in der Abkalbe- oder später in der Kälberbox sowie ein schlechte Immunabwehr des Kalbes.

Ist die Geburt gut überstanden, muss auf die richtige Kolostrumversorgung des Kalbes geachtet werden. Dies ist der erste und wichtigste Immunschutz. Wichtig ist hier:

  • in den ersten vier Stunden mindestens drei Liter Biestmilchaufnahme über Eimer oder Kuh
  • eventuell Biestmilchqualität überprüfen, z. B. mit Refraktometer.

 

Das passende Tränkesystem

In der Praxis gibt es mittlerweile viele verschiedene Tränkesysteme. Immer häufiger wird die Ad Libitum Tränke empfohlen. Hier wird ab der zweiten Mahlzeit so viel Muttermilch verabreicht, wie das Kalb trinken will. Mit zunehmendem Alter steigt die aufgenommene Milchmenge bis auf 15–18 Liter pro Tag. Studien zeigen, dass das biologische Potential der Kälber auf diese Weise am besten ausgenutzt wird. Vor allem die hohen Zunahmen im ersten Lebensmonat wirken sich positiv auf Wachstum, Länge der Darmzotten und Bildung von Eutergewebe aus. Dieses Tränkeverfahren ermöglicht dem Kalb eine nahezu natürliche Tränkeaufnahme in kleinen Mengen über den Tag verteilt.

Alternativ wird auf manchen Betrieben auch erfolgreich mit der kuhgebundenen Aufzucht gearbeitet. Neben der Ad Libitum Tränke ist die restriktive Fütterung gebräuchlich. Hierbei sollte die Tränkemenge innerhalb einer Woche auf etwa acht Liter Vollmilch pro Tag gesteigert werden. Bei beiden Tränkeverfahren müssen die Tiere laut EU-Öko-VO mindestens zwölf Wochen mit Vollmilch gefüttert werden. Eine feste Milchmenge ist hier jedoch nicht vorgeschrieben.

Um den Milchkonsum der Kälber in Grenzen zu halten und das Wachstumspotential trotzdem bestmöglich auszunutzen, eignet sich eine Kombination der oben genannten Systeme. Hier werden die Kälber bis zur vierten Lebenswoche ad libitum gefüttert. Anschließende wird das Milchangebot rationiert und schonend bis zum Absetzen reduziert. Immer häufiger wird der Einsatz von angesäuerter Milch (z. B. Sauermilch oder Joghurt) empfohlen.

 

Betrieb: Robert Widmann

Warum angesäuerte Milch tränken?

  • Arbeitszeiteinsparung, da kein Erwärmen auf 39 °C nötig
  • längere Haltbarkeit der Tränkemilch
  • Kälbertränken unabhängig von den Melkzeiten
  • geringere Durchfallgefahr, weil keine ungeronnene Milch in den Darm gelangt und die Tiere langsamer saugen

 

Das Absetzen

Egal welches Tränkesystem angewandt wird, eine Versorgung mit Wasser und bestem Heu muss ab der ersten Lebenswoche gegeben sein, um die Kälber möglichst früh zur Aufnahme von festem Futter zu animieren. Dies ist enorm wichtig, da bei sinkender Milchgabe und steigendem Lebendgewicht die Fütterung von Grob- und Kraftfutter stark an Bedeutung gewinnt. Frisst das Kalb bis zum Absetzen nicht genug, fehlen ihm wichtige Nährstoffe und es kommt zu einem Wachstumseinbruch. Neben Heu und Kraftfutter kann ab dem Ende des dritten Lebensmonats mit der Fütterung von Silage begonnen werden.

Als Kraftfutter kann entweder das Milchleistungsfutter der Kühe (18/4 oder 16/4) oder ein extra Kälberkraftfutter verwendet werden. Bewährte Komponenten für Kälber sind Leinprodukte, Körnermais, Trockenschnitzel sowie Soja- und Rapskuchen. Auch der Einsatz einer Kälber Totalmischration (TMR) ist möglich. Beim Absetzen sollten pro Tag 1–1,5 kg von Kraftfutter bzw. TMR aufgenommen werden. Die Kälber TMR kann am Betrieb gemischt werden, wird aber auch in Öko-Qualität von diversen Herstellern angeboten.

 

Beispielrezept Kälber TMR:

  • 15­–25% Heu, Stroh oder Luzerneheu sehr kurz. Wichtig: Qualität muss einwandfrei sein
  • 6 % Melasse, direkt ins Heu gemischt
  • etwa 27 % Körnermais
  • etwa 27 % Gerste/Triticale (Weizen auch möglich)
  • etwa 25 % Eiweißkomponenten (Rapskuchen, Sojakuchen, Leinschrot (diätische Wirkung)
  • 3 % Mineralfutter

 

Haltung als wichtiger Faktor

Auch die Haltung ist ein Aspekt für eine erfolgreiche Kälberaufzucht. Das Neugeborene darf erst aus der Abkalbebox, wenn es komplett abgetrocknet ist. Damit es trocken und warm liegt, braucht es genügend Einstreu in der Box (die hinteren Beine des Kalbes sollten beim Liegen nicht zu sehen sein). Diese isoliert und nimmt Feuchtigkeit auf. Eine regelmäßige Erneuerung der Einstreu ist sehr wichtig, weil Kälber bis zu zehn Liter Urin am Tag abgeben. Die Feuchtigkeit senkt die Isolierwirkung der Einstreu, erhöht die Ammoniakausgasung und belastet die empfindliche Lunge des Kalbes. Für eine gute Entwicklung brauchen Kälber frische, trockene Luft und genügend Tageslicht. Zugluft hingegen ist unbedingt zu vermeiden. Bei sehr niedrigen Temperaturen ist der Einsatz von atmungsaktiven Kälberdecken zu empfehlen (Kosten 20–40 €). Die Wohlfühltemperatur von Kälbern liegt bei 4 bis 20 °C.

Deshalb sollte Kälbern in den ersten drei Monaten ein Kleinklimabereich (Iglu oder Kälbernest) angeboten werden, in den sie sich zurückziehen können. Genauso wichtig wie der Schutz vor Kälte und Zugluft ist der Schutz vor zu hohen Temperaturen im Sommer, z. B. durch Beschattung mit Sonnenschirmen bei freistehenden Iglus.

In der Regel werden die Kälber nach zwei Wochen Einzelhaltung in Gruppen zusammengeführt. Die Gruppengröße sollte bei 4–10 Kälbern mit maximal vier Wochen Altersunterschied liegen. Kälber entwickeln sich in homogenen Gruppen häufig besser als in Einzelhaltung, weil sie schneller das Fressen lernen und ihnen der Sozialkontakt guttut. Um Keimdruck und Stress zu senken, ist ein Rein-Raus-Verfahren zu empfehlen. Kälber sollten so selten wie möglich umgestallt werden. Jeder Stall ist für Kälber eine eher reizarme Umgebung. Dies führt häufig zu Untugenden wie z. B. gegenseitiges Besaugen, Zungenschlagen, Lecksucht oder Harnsaufen. Heunetze, Bürsten, Lecksteine und Tränken mit ausreichendem Wassernachlauf haben sich als Beschäftigungsmaterial bewährt.

Management hat große Auswirkungen

Das größte Problem in der Gruppenhaltung ist das gegenseitige Besaugen, dem mit Beschäftigungsmöglichkeiten und vor allem den Einsatz von Nuckeln mit kleiner Öffnung entgegengewirkt werden kann. Ziel ist hierbei eine möglichst lange Saugzeit von mindestens 5–8 Minuten. Dies führt durch den Anstieg des Blutzuckerspielgels zu einem natürlichen Ende des physiologischen Saugtriebes. Um den Saugtrieb noch weiter zu befriedigen, sollten die Eimer nach dem Tränken noch einige Minuten zum Saugen zur Verfügung stehen. Nach dem Tränken können die Kälber noch 15–20 Minuten eingesperrt bleiben und mit Heu und Kraftfutter beschäftigt werden.

Die meisten Erkrankungen im Kälberstall sind Faktorenerkrankungen. Das heißt, dass Kälber nicht zwingend krank werden, wenn Erreger im Stall sind, sondern dass verschiedene Faktoren zusammentreffen müssen, damit eine Krankheit ausbricht. Solche Faktoren können zum Beispiel eine durch fehlerhafte Ernährung oder Geburtsstress verursachte Immunschwäche des Kalbes sein oder auch mangelnde Hygiene in der Kälberbox, die eine hohe Keimbelastung verursacht. Auch Hitzestress, schlechte Luft oder Zugluft schwächen das Kalb. Das Management der Kälberhaltung ist maßgeblich für den Erfolg der Aufzucht verantwortlich und durch eine Optimierung der Haltung und Fütterung können Probleme spürbar reduziert oder sogar ganz vermieden werden. Keime sind in allen Stallungen enthalten, nur, ob die Kälber auch tatsächlich erkranken, hängt in großem Maße davon ab, wie die Aufzuchtbedingungen gestaltet sind. Kranke Kälber machen viel Arbeit und wenig Freude. Deshalb und aus Sicht des Tierwohls sollten wir alle bemüht sein, vorbeugend die Kälbergesundheit in der Milchviehhaltung sicher zu stellen.

 

Anna Methner, Fachberatung für Naturland​

 

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