Gesund durch den Winter

18. Oktober 2022

Abwehrstarke Rinder sind im Normalfall gut gewappnet gegen Krankheitserreger. Das ist besonders wichtig, weil Rindergrippen, also Erkrankungen der Atemwege durch Viren oder Bakterien, fast immer zu ökonomischen Einbußen führen. Wie man am besten vorbeugt.

Bei schwerer Atemnot kann von großflächigen Veränderungen der Lunge ausgegangen werden. Foto: Lorenz

Die Rindergrippe ist eine klassische Faktorenkrankheit. In der Regel handelt es sich um Mischinfektionen, wobei Vireninfektionen überwiegen. Viren ebnen oft den Weg für die beteiligten Bakterien. Das bedeutet, dass die Virusinfektion die Abwehrmechanismen des Atmungsapparates schädigt, sodass sich bakterielle Infektionen leichter ausbreiten können. Mittlerweile wird allerdings auch vermutet, dass unter besonders ungünstigen Bedingungen Bakterien auch selbstständig Erkrankungen auslösen können.
Die wichtigsten bakteriellen Erreger sind Mannheimia haemolytica und Pasteurella multocida. Sie haben unter anderem die Fähigkeit, Gewebsgifte zu bilden, die das Lungengewebe zum Absterben bringen. Derart zerstörte Lungenbereiche werden schlechter durchblutet und können deshalb von antibakteriellen Medikamenten nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr erreicht werden.

In chronischen Fällen kommt häufig ein weiteres Bakterium hinzu. Dieser typische Eitererreger findet sich hauptsächlich in Abszessen, die in absterbendem Lungengewebe entstehen. Bei derart veränderten Lungen verschlechtern sich die Heilungschancen drastisch. Prinzipiell schwächt jede Art von Stress die Abwehrkraft des Kalbes. Den größten Stress erleben Kälber in aller Regel im Rahmen der Vermarktung zur Mast.  Aber auch das Aufzuchtkalb erleidet Stress, z.B. bei der Umstellung von Einzelhaltung auf Gruppenhaltung. Auch ist es wichtig, zusätzliche Stressoren (Enthornen, Futterumstellung) nicht gleichzeitig einwirken zu lassen.

Stallklima wichtig

Eine wichtige Rolle spielen auch Ventilation und Stallklima. Es ist nicht möglich, einen Warmstall, in dem Kälber in den ersten Lebensmonaten gehalten werden, natürlich zu belüften. Das liegt daran, dass Kälber zu wenig Wärme produzieren und daher die für eine Trauf-First Entlüftung notwendige Thermik nicht zustande kommt. Daher ist die Außenklima-Aufstallung für Kälber nach momentanem Kenntnisstand die Methode der Wahl.  Prinzipiell sind alle Aufstallungen geeignet, in denen eine ausreichende Frischluftzufuhr ohne die Entstehung von Zugluft gewährleistet ist. Hohe Luftfeuchtigkeit und hoher Staubgehalt in der Luft schädigen nicht nur die Atemwege, sondern führen auch dazu, dass größere Mengen an Keimen in der Stallluft enthalten sind. Schadgase, v.a. Ammoniak, führen zu einer offensichtlichen Reizung der Atemwege. Neben der Ventilation ist vor allem regelmäßiges Ausmisten und eine trockene Einstreu wichtig.

In der frühen Erkrankungsphase oder bei einem leichten Krankheitsverlauf treten bei den betroffenen Tieren Fieber (über 39,5 °C), klarer Nasen- und Augenausfluss und Husten auf. Ebenso wie eine beschleunigte Atmung. In dieser durch Viren verursachten Phase kann es unter günstigen Umständen noch zu Selbstheilungen kommen, eine eingeleitete Therapie ist meist erfolgreich und wenig aufwendig. In den meisten Fällen wird es ohne Behandlung jedoch zu einer bakteriellen Infektion kommen. Dann wird der Nasenausfluss schleimig-eitrig, die Kälber haben Fieber, sind abgeschlagen und zeigen eine angestrengte Atmung. Die Fresslust ist vermindert. In diesem Stadium ist der Behandlungserfolg bereits fraglich. In schweren, verschleppten oder wiederkehrenden Erkrankungsfällen verweigern die Kälber Futter und Tränke. Sie sind niedergeschlagen und magern ab. Mit fortschreitender Erkrankungsdauer entwickeln sie sich häufig zu Kümmerern, dann ist eine Ausheilung unmöglich. Überleben die Kälber, werden sie nie ihr normales Leistungspotenzial erreichen und sind ihr Leben lang anfällig für neue Krankheitsschübe.

Erfolgreiche Behandlung

Die Behandlung richtet sich gegen die bakterielle Infektion und die damit verbundenen Entzündungen. Zur Therapie wird ein Antibiotikum injiziert. Zusätzlich kann die Behandlung mit entzündungshemmenden Medikamenten die Heilung positiv beeinflussen.
Nur bei frühzeitigem Behandlungsbeginn besteht Aussicht auf Erfolg. Bei Zukauftieren ist eine tierärztliche Einstallungsuntersuchung sinnvoll, um bereits erkrankte Tiere behandeln zu können. Zudem empfiehlt sich eine tägliche Temperaturkontrolle, um frühzeitig handeln zu können. Ist dies nicht praktikabel, ist die Beschleunigung der Atmung das nächstbeste Erkennungszeichen. Bei ersten Anzeichen sollte der Tierarzt zugezogen werden. Die wichtigste Vorbeugemaßnahme ist die ausreichende Versorgung mit Biestmilch unmittelbar nach der Geburt. Man weiß mittlerweile, dass nicht nur die über die Biestmilch auf das Kalb übertragenen Antikörper für die Gesundheit des Kalbes entscheidend sind. Die Biestmilch enthält Inhaltsstoffe, die für die Ausreifung des Immunsystems des Kalbes unverzichtbar sind. Das neugeborene Kalb sollte daher innerhalb der ersten beiden Lebensstunden 3 l Kolostrum guter Qualität aufnehmen.

Rolle der Impfungen

Bei der Rindergrippe haben wir es mit verschiedenen Erregern in wechselnden Kombinationen zu tun, deshalb gibt es nicht gegen alle Impfstoffe. Aufgrund verschiedener Faktoren ergibt sich, dass man von einer alleinigen Verabreichung eines Grippeimpfstoffes keine Lösung eines Rindergrippeproblems erwarten kann. Um eine stabile Abwehrlage zu erreichen, werden normalerweise zwei Impfungen im Abstand von einigen Wochen benötigt.
Dr. Ingrid Lorenz


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