Kälberverluste senken

18. Januar 2022

Wie lassen sich hohe Kälberverluste senken? Kleine Kälber haben oftmals Durchfallerkrankungen, die größeren Kälber Atemwegserkrankungen. Durch eine Reihe von Maßnahmen kann der Immunstatus der Kälber verbessert und dadurch das Krankheitsgeschehen eingedämmt werden.

Wie lassen sich die hohen Kälberverluste von derzeit 10 bis 15 % in Deutschland wirkungsvoll verringern? Experten aus Wissenschaft und tierärztlicher Praxis zeigten im Rahmen einer Expertenrunde eine Vielzahl von Ansatzpunkten auf, die zu einer besseren Kälbergesundheit (Kälber-Resilienz) beitragen können – insbesondere das Management der trockenstehenden Kühe, die Versorgung mit Kolostrum und die Motivation des Betriebspersonals.

Qualität des Kolostrums entscheidet

Schon die Trockenstehphase hat einen enormen Einfluss auf das Geburtsgewicht, die Immunabwehr und die spätere Milchleistung der Kälber. Prof. Dr. Wolfgang Heuwieser, Tierklinik für Fortpflanzung/FU Berlin, beschrieb die Folgen von Hitzestress in der Trockenstehphase. »Der Hitzestress der Mütter beeinflusst die Kälber bis weit in die erste Laktation. So benötigten die Kälber von Müttern mit Hitzestress mehr Besamungen, um tragend zu werden. Zudem war ihre Milchleistung niedriger«, erklärte er.
Außerdem machte er noch einmal deutlich, wie wichtig eine gute Kolostrumversorgung für den Immunstatus der Kälber ist. Heuwieser empfahl, den Kälbern 4 l gutes Kolostrum in den ersten vier Lebensstunden zu verabreichen. »Aber 40 % der Kälber in Deutschland sind mit Immunglobulen unterversorgt«, zitierte der Experte Untersuchungsergebnisse.

Hygienisch einwandfreie Biestmilch vertränken

Hier setzte Prof. Dr. Marc Boelhauve von der Fachhochschule Südwestfalen mit seinem Vortrag an. »Die Qualität des Kolostrums ist entscheidend für die Gesundheit der Kälber.« Doch die Qualität allein ist nicht ausschlaggebend für eine gute Versorgung mit Immunglobulinen im Blut, wie er in Untersuchungen herausfand. Denn auch bei vielen Kälbern mit einer ausreichenden und frühen Gabe an Biestmilch waren die Gehalte an Immunglobulinen im Blut 24 bis 48 Stunden nach der Geburt schlecht.
Boelhauve hat festgestellt, dass der Keimgehalt der Kolostralmilch vom Euter der Kuh bis zur Aufnahme durch das Kalb in vielen Fällen enorm ansteigt. »Die Milch wird in die Milchkanne gemolken, dann in den Tränkeeimer umgefüllt und über den Nuckel vertränkt. Diese Kette ist enorm anfällig für einen Keimeintrag«, so der Wissenschaftler. Hier helfe nur eine strikte Reinigung und Hygiene. Vor allem Biofilme in den einzelnen Elementen könnten jede Menge coliforme Keime enthalten und Durchfälle auslösen. Zudem sollte die Kolostralmilch mit einer Temperatur von 39 °C vertränkt werden. »Messen Sie nach, bevor Sie die Milch vertränken«, riet Boelhauve.

Der praktische Tierarzt Stefan Lüllmann aus Löningen kennt die Gesundheitsprobleme der Kälber aus seinem Praxisalltag. Die kleinen Kälber haben häufig Durchfallerkrankungen, die größeren Kälber Atemwegserkrankungen. »Die Diagnostik der Erreger ist das wichtigste Instrument für die Tierärzte«, sagte er.

Gesundheitspläne erstellen

Auf dieser Grundlage basierend könnten Tierarzt und Landwirt gemeinsam betriebsspezifische Gesundheitspläne und Maßnahmenkataloge erstellen. Beispielsweise könnten diese wöchentliche Bestandsuntersuchungen enthalten mit regelmäßiger Diagnostik sowie der Auswertung von Schlachtbefunden, um Maßnahmen abzuleiten. »So lassen sich Zielgrößen definieren und ein Abgleich zwischen Ist- und Sollzustand wird möglich.« Auch das Rein-Raus-Prinzip in Kälberställen mit Reinigung und Desinfektion helfe, Infektionen in den Griff zu bekommen. »Kälberverluste von unter

5 % sind in Praxisbetrieben möglich«, ist sich Prof. Boelhauve sicher. Allerdings müsse dann alles passen: die Haltungsbedingungen und eine gute Versorgung mit Immunglobulinen. »Die Kälber erkranken häufig an sogenannten Faktorenerkrankungen«, erklärte Prof. Heuwieser. Für die Erkrankung sind nicht nur die Erreger verantwortlich, sondern auch suboptimale Haltungsbedingungen und ein schlechter Immunstatus. Klare Arbeitsanweisungen für alle auf dem Betrieb Arbeitenden können helfen. »Schriftliche Arbeitsanweisungen sind ein gutes Hilfsmittel, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Es muss klar sein: Wer macht was wann wie«, sagte Heuwieser. Allerdings hätten viele Betriebe keine schriftlichen Arbeitsanweisungen. Es sei aber sinnvoll, dort anzusetzen. Dabei sollten die Texte kurz sein, am besten mit Bildern oder Postern ergänzt. Sie könnten auch per Smartphone an die Mitarbeiter weitergegeben werden. »Mitarbeiterschulung und eine gute Kommunikation werden in Zukunft immer wichtiger«, ist sich der Wissenschaftler sicher. Er gab einen Ausblick, wie es künftig auf den Milchviehbetrieben aussehen könnte: »Es werden mehr Kühe betreut, es wird mehr Personal eingesetzt, das aus dem Ausland kommt und nicht genügend Deutschkenntnisse oder gar keinen landwirtschaftlichen Hintergrund hat.«
Imke Brammert-Schröder

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