Grünland ist nicht gleich Grünland

15. Februar 2022

Grünland ist Quelle hofeigenen Eiweißes, nachhaltiger Speicherort für Kohlenstoff, eine ergiebige Futterquelle für Hochleistungsrinder und nicht zuletzt bietet es eine Möglichkeit, anfallende Wirtschaftsdünger kostengünstig und umweltgerecht auszubringen. Zudem weist Grünland eine höhere Biodiversität im Vergleich zum Ackerland auf. Aber ist diese Betrachtungsweise ganz so einfach?

Grünland ist Quelle hofeigenen Eiweißes, nachhaltiger Speicherort für Kohlenstoff, eine ergiebige Futterquelle für Hochleistungsrinder und nicht zuletzt bietet Grünland eine Möglichkeit, anfallende Wirtschaftsdünger noch kostengünstig und umweltgerecht auszubringen. Zudem weist Grünland eine höhere Biodiversität im Vergleich zum Ackerland auf. Aber ist diese Betrachtungsweise ganz so einfach?
In erster Linie intensiv genutztes und befahrenes Grünland ist nicht mehr in der Lage, all diese Wunschvorstellungen gleichzeitig zu erfüllen. Bestände entarten durch hohe Anteile an Gemeiner Rispe und Stumpfblättrigem Ampfer und werden artenarm. Böden sind durch schwere Maschinen und häufiges Befahren zusammengewalzt und die Ansprüche der Gräser an Standort und Intensität werden dem Ziel, Maximalerträge zu erzielen, schlicht und einfach untergeordnet. Wer glaubt, Grünland verzeihe alle Fehler und seine unbestritten positiven Eigenschaften ließen sich nach Belieben wiederherstellen, der irrt gewaltig. Das macht sich in der Praxis häufig sehr negativ bemerkbar.

Folgen des Klimawandels

Ein weiteres kommt derzeit erschwerend hinzu, denn die Witterungsbedingungen erscheinen immer weniger kalkulierbar. Völlig übernässte Böden einerseits wechselten sich in den letzten Jahren nahezu flächendeckend mit Trockenheit ab und das führte in vielen landwirtschaftlichen Betrieben zu akuten Problemen bei der Grundfutterversorgung. Grünlandgräser verdorrten und die Bestände waren und sind teilweise bis heute in Abhängigkeit vom Standort ein Bild des Jammers. Für die weitere Entwicklung der Grasbestände ist es entscheidend, in welchem Wachstumsstadium etwaige Niederschläge die Grünlandgräser treffen. Die einfachen Konzepte nach dem Motto »Der Grünlandbestand gefällt mir nicht, ich spritze ihn ab und säe neu an oder mache eine Nachsaat« funktionieren offensichtlich nicht mehr.
Auf der anderen Seite gelingt eine Nachsaat ohne ausreichende Niederschläge oft deshalb nicht oder ist zumindest risikoreich, weil die Samen das kurzfristig vorhandene Wasser einzelner Niederschlagsereignisse zwar für die Keimung nutzen, bei Ausbleiben von weiterem Regen die Keimlinge aber sehr schnell wieder vertrocknen. Auch auf raschen Ertragszuwachs durch gezielten Einsatz von Stickstoffdüngern zu setzen, hilft oft nicht weiter, denn zumindest die Grünlandbestände Süddeutschlands weisen oft hohe Anteile von Kräutern und Unkräutern auf, die anders als Gräser in aller Regel nur eingeschränkt auf die Zudüngung von Stickstoff reagieren. Obwohl Ertragssteigerungen nach der Grünlandverbesserung erwartet werden, ist davon aber nicht ohne weiteres auszugehen.
Im vorliegenden Fall wurden in einem weiterlaufenden Versuch fünf in der landwirtschaftlichen Praxis übliche Verbesserungsmethoden hinsichtlich ihrer Dauer und Nachwirkung miteinander verglichen und sowohl ertraglich als auch ökonomisch bewertet.

 

Methoden der Grünlanderneuerung und -verbesserung

Unter Grünlandverbesserung versteht man im eigentlichen Sinne, alle verfügbaren pflanzenbaulichen Maßnahmen, die der Verbesserung des Grünlandbestandes dienen. Also mehr oder weniger düngen, chemische oder mechanische Unkrautbekämpfung, früher oder später Schnitt zur Förderung einzelner Pflanzenartengruppen. Im eigentlichen Sinne aber versteht man unter Grünlandverbesserung das Einbringen von Samen auf oder in den Boden in Form von Neuansaaten, entweder nach Totalabtötung des bestehenden Bestandes chemisch oder nach mechanischer Vorbehandlung durch Pflug, Kreiselegge oder Rototiller.
Eine Nachsaat erfolgt entweder als Obenaufsaat (wiederholt kleine Saatmengen, bei denen der Bodenkontakt entweder durch Striegel oder Walzen hergestellt wird) oder als Schlitzsaat (Bodenkontakt der Samen erfolgt durch direktes Eingringen der Samen in den Boden: Charakteristisch ist eine etwas höhere Saatmenge bei geringerer Wiederholungshäufigkeit). Frässaaten oder Einmischen von Samen in Gülle sind ebenfalls möglich. Eine Übersicht der Verfahren bietet Abb. 1. Generell unterscheidet man zwei unterschiedliche Nachsaatverfahren: die Übersaat und die Durchsaat.

Die Über- oder Obenaufsaat

Die Über- oder Obenaufsaat gelingt nur bei hohem Lückenanteil im Grünlandbestand und die angesäten Gräser müssen sich gegenüber den bestehenden Arten durchsetzen können. Kampfkraft der Gräser in der Jugendentwicklung ist besonders bedeutsam, weswegen sich für solche Verfahren nahezu ausschließlich Deutsches Weidelgras (Lolium perenne) eignet sowie schon mit deutlichen Einschränkungen Knaulgras (Dactylis glomerata) und Wiesenlieschgras (Phleum pratense). Kleinkörnige Samen wie bei der Wiesenrispe (Poa pratense) sind nahezu ohne Chance für eine gute Entwicklung und finden daher kaum Verwendung bei Übersaaten.
Ist der Lückenanteil klein, sollten neue Lücken im Voraus mit Striegeln oder flach arbeitenden Eggen geschaffen werden. Infolge des hohen Ansaatrisikos werden Übersaaten innerhalb eines Jahres und auch über mehrere Jahre hinweg wiederholt. Bei der Übersaat werden mit Düngerstreuern, Spezialgeräten, Sämaschinen (mit hochgehängten Scharen), eingemischt in Gülle oder von Hand mehrmals pro Jahr zusammen mit der Düngung 5 bis 8 kg/ha Saatgut von kampfkräftigen Grasarten ausgebracht. Die Übersaat verlangt zwingend ausreichende Niederschläge. Sie gelingt in der Regel umso besser, je lückiger der Bestand ist. Die Übersaat kann mit gutem Erfolg mit den Pflegemaßnahmen im Frühjahr kombiniert werden, wobei die Ansaaten sehr früh im Jahr von der nicht optimalen Strahlungsintensität, der mangelnden Tageslichtlänge und der geringen Wärme negativ beeinflusst werden.

Die Durchsaat

Bei der Durchsaat wird mit speziellen Sägeräten in Schlitz-, Fräsdrill- oder Bandfrässaat das Saatgut direkt in den Boden gelegt. Das hat den Vorteil des wesentlich besseren Bodenschlusses und damit natürlich auch eines in der Regel deutlich besseren Auflaufs. Die Saatmenge bei der Durchsaat beträgt 20 bis 25 kg/ha, wobei hier durchaus auch Mischungen mit unterschiedlichen Grasarten verwendet werden können. Vom Prinzip her wird bei der Durchsaat nicht jährlich, sondern bei Bedarf, meist in Abständen von drei bis fünf Jahren, erneut nachgesät.
Weil das Saatgut direkt in den Boden eingebracht wird, ist die Schlitzsaat bei dichterem und nur wenig verfilztem Altbestand zu empfehlen. Sehr dichte oder verfilzte Narben sind mit Schlitzsaatgeräten nicht oder nur wenig verbesserbar, denn der Samen gelangt zwar in den Boden, kann jedoch aufgrund von Lichtmangel in dichten Narben nur schlecht auflaufen. Solche verfilzten Grasnarben sollten daher wie bei Übersaaten mit einer Egge oder einem Striegel vorbehandelt werden. Der Erfolg solcher Maßnahmen zeigte sich bei Untersuchungen am Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) in Aulendorf deutlich (siehe Abbildung 2). Eggen reduziert bei allen geprüften Varianten den Besatz an Gemeiner Rispe sehr deutlich, die Etablierung der Wiesenrispe gelang nur bei der Schlitzsaattechnik der Firma Vredo.

Der Aulendorfer Grünlandverbesserungsversuch wurde vor acht Jahren als Langzeitexperiment angelegt und dauert immer noch an. So wurde vorgegangen: 2009 wurden im ersten Aufwuchs auf einem Dauergrünland am Standort Aulendorf (600 m ü. NN.; 903 mm Niederschlag) fünf Verbesserungsvarianten mit jeweils drei Wiederholungen mit einer Parzellengröße von je 100 m2 angelegt. Die Parzellengröße erlaubte es, mit praxisüblichen Geräten zu bewirtschaften. Folgende Behandlungen wurden vorgenommen:

  •  V1: Unbehandelte Kontrolle;
  •  V2: Totalbekämpfung des zweiten Aufwuchses mit 4kg ha-1 Round up Ultra max (45 % Glyphosat) und Schlitzsaat drei Wochen später;
  •  V3: Totalbekämpfung des zweiten Aufwuchses nach Abspritzen mit 1 kg ha-1 Round up Ultra max (45 % Glyphosat) und 10 kg ha-1 Ammonsulphatsalpeter (SSA) und Schlitzsaat drei Wochen später;
  •  V4: Nachsaat mit Vredo Schlitzdrillgerät 25 kg ha-1 Saatmischung NSF (Dt. Weidelgras 48 %, Wiesenlieschgras 24 %, Wiesenrispe 16 % und Weißklee 12 %) zum zweiten Aufwuchs;
  •  V5: zweimalige Übersaat je Jahr mit Breitstreuer (Saatgut: 5 kg ha-1 Saatmischung NSF zum zweiten und vierten Aufwuchs) und Anwalzen mit Prismenwalze;
  •  V6. Totalerneuerung nach mechanischer Zerstörung der Grasnarbe mit einem Rototiller.

Bei jeder Erneuerungsmaßnahme (V2, V3 und V6) wurden 35 kg ha-1 der Standard-Saatmischung GSWI (Dt. Weidelgras 59 %, Wiesenrispe 13 %, Wiesenlieschgras 19 %, Weißklee 9 %) gesät. Alle Parzellen wurden fünfmal im Jahr gemäht und entsprechend der ordnungsgemäßen Düngung für Baden-Württemberg gedüngt. Im ersten Jahr betrug die N-Düngung 120 kg N/ha und in den Folgejahren zwischen 240 und 260 kg N/ha. Aufgrund des Ansaatzeitpunktes für die Neuansaat im Frühjahr 2009 konnten diese Varianten im Ansaatjahr nur dreimal gemäht werden. Ermittelt wurden: TM-Erträge, Rohprotein- und Nettoenergiegehalte sowie die botanische Zusammensetzung der Bestände.
Bereits im Herbst 2014 befriedigten die Bestände nicht mehr. Daher wurden sowohl die Maßnahmen der Grünlanderneuerung (Var. 2, 3, 6) als auch die Nachsaat als Schlitzsaat (Variante 4) wiederholt. Die im Herbst durchgeführte Grünlandverbesserung ließ deutlich geringere Ertragsverluste erwarten. Diese negative Ertragsentwicklung zeigte sich auch bei der produzierten Eiweißmenge (siehe Tabelle). Auch hier lagen die Nachsaaten im Mittel um ca. 3 dt Rohprotein je ha und Jahr über den Neueinsaaten. Offensichtlich gelang es mit den Neueinsaatverfahren nicht, eine dauerhaft bessere botanische Zusammensetzung mit mehr Weißklee zu etablieren. Auch die neueingesäten Sorten des Deutschen Weidelgrases konnten den gedüngten Stickstoff nicht mit höherer Effizienz und in der Folge besseren Proteinerträgen umsetzen. Den höchsten Weißkleeanteil wies dann auch die Übersaatvariante auf.

Prof. Dr. Martin Elsäßer

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