Legen, wo andere ­Urlaub ­machen

26. November 2020

Bei Familie Helmer aus Schwangau gackern und legen die Hennen mit Blick auf Schloß Neuschwanstein. Die »Königlichen Eier« finden über Automat und Gastronomie zum Verbraucher und bieten der Region einen Mehrwert.

Ein paar Hühner für den Eigenbedarf sollten es eigentlich sein. Schon immer war der Gastro- und Unternehmerfamilie Helmer aus Schwangau ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb im Nebenerwerb angegliedert, ein paar Schumpen, die den Fleischbedarf der Familie decken und in der Gastronomie verrarbeitet werden, weiden auf den 18 ha Land. »Für den Papa war die Landwirtschaft schon immer ein ein Ausgleich zur Arbeit«, erzählt uns Bene Helmer, der mit seiner Frau Andrea und seinem Cousin Maguns das erste Hühnermobil in Schwangau betreibt.
Magnus war es, der auf die Idee kam, mit ein paar Hühnern den Eigenbedarf der Familie zu decken, Fläche und Stall waren ohnehin schon da. 15 Stück sollten es eigentlich sein, »da weißt, wo’s herkommt und kriegst jeden Tag ein Ei!« Doch wie so oft bei den Helmers wurde die Idee nicht nur im Kleinen umgesetzt, sondern ein Geschäft daraus gemacht. Nicht umsonst betreibt die Familie mehrere renommierte Gastrobetriebe und einen Campingplatz in Schwangau und ist in ihren Unternehmergeist.
Wenn schon Hühner dann viele, ausreichend Grund war vorhanden und sollte die Direktvermarktung nicht funktionieren, sind da immer noch die Gastrobetriebe, die den Absatz garantieren. »Wenn keiner Eier kauft, verarbeiten wir sie halt selbst«, so dachte der junge Nebenerwerbslandwirt, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigte.

Start-up in Corona-Zeiten

Zeitgleich zum Beginn der Corona-Krise zogen 330 Hühner in den neuen mobilen Stall ein und fingen kurz darauf an zu legen. Und schon sah die Situation ganz anders aus als sie sich das vorgestellt hatten. Die Eier sollten über einen Automaten im Ort an Einheimische und Feriengäste verkauft werden, doch der Absatz brach nach Ostern wie vielerorts komplett ein. Selbst das Hintertürchen mit der familieneigenen Gastronomie fiel zu, hier war durch den Lockdown kein Bedarf. Kurzerhand suchten Bene und Magnus eine Möglichkeit, die Eier zu Nudeln verarbeiten zu lassen, und haben das Angebot im Automaten um Getränke, Honig und die eigenen Nudeln erweitert.
Doch die Helmers sind zuversichtlich, der Aufwand ist überschaubar, Bene und seine Frau, die vor kurzem nochmal Eltern geworden sind, und Magnus teilen sich die Schichten auf. Beide Männer arbeiten Vollzeit in den eigenen Gastronomiebetrieben, schauen in der Früh und abends nach dem Rechten, Benes Frau Andrea einmal unter tags.
Dabei werden Wasser, Futter und der Zaun kontrolliert und nachmittags ab 15:00 Uhr, wenn sich die Nestklappen wieder schließen, die Eier entnommen. Siebenmal täglich wird automatisch mit Legemehl gefüttert,
Lüftung, Temperatur und Beleuchtung werden per Astrosensor gesteuert. Bei 20 Watt Heizleistung pro Huhn ist Heizen im Winter kaum erforderlich.

Schafe und Discokugel gegen die Luftwaffe

»Mit dem Fuchs haben wir keine Probleme«, lacht Bene auf die Frage, ob dieser schon mal ein Huhn stiehlt, »dafür mit der Luftwaffe!« Ein Greifvel hat gleich zu Anfang ein Huhn geschlagen, eine reflektierende Spiegelkugel soll nun Abhilfe schaffen. Ebenso die drei Kamerunschafe Serafina, Eggberg und Mathilda, zu denen Bussard, Milan und Co. respektvoll Abstand halten. »Eigentlich nehmen die Hühnerzüchter dafür Ziegen«, das haben sie im vor der Anschaffung des Hühnermobils absolvierten Lehrgang gelernt, erklärt Bene, »doch die Schafe hatten wir schon.« Eigentlich mache es keinen Unterschied, sagt er, es heißt, die Vögel kennen keinen Unterschied zwischen, Ziege, Schaf oder Hund, sie nähmen nur das große Lebewesen als »Wache« wahr und hielten Abstand. Scheint zu funktionieren, seitdem hat es keinerlei Verluste mehr gegeben.

Magnus Helmer hat schon immer mit  Hühnern für die Selbstversorgung geliebäugelt. Dass es nun doch ein paar mehr wurden,  genießt er sichtlich.

Langfristige Investition

Für die Kapitalrendite haben die Nebenerwerbslandwirte acht bis zehn Jahre veranschlagt, für den mobilen Stall mit allen Nebenkosten wie Zäune und Sandbäder und die Hühner selbst haben sie rund 60.000 EUR investiert. Der Automat schlug nochmals mit 15.000 EUR zu Buche. Doch die Entscheidung dafür war schnell getroffen: »Sonst klingeln die Kunden den ganzen Tag an der Haustür, so können sie sich ihre Eier einfach holen. Und es ist ja immer jemand zu erreichen, wenn es Probleme mit dem Automaten geben sollte«, so Helmer.
Auch Bio-Eier zu produzieren stand zur Debatte, jedoch rechnen sich die Mehrkosten nicht. Das Futter ist teurer, die Flächen müssen zertifiziert werden. Für Bio-Hühner muss mehr Stallfläche zur Verfügung stehen, in ihrem Mobil könnten nur 280 Hühner unterkommen, bei konventioneller Haltung eben 330. Die Außenfläche wäre zwar groß genug, pro Bio-Huhn sind 4,5 m2 Auslauf/ Huhn vorgeschrieben, konventionell gehaltene Hühner müssen mit 2,5 m2 auskommen. Die Helmer-Hühner haben aber ohnehin mehr Platz zum Scharren und werden wöchentlich umgesetzt. Zwischen Schwangau, Hohenschwangau und Bannwaldsee mit Blick auf die Königsschlösser gackern die rotenbraunen Ovans Legehennen und vermitteln das Bild glücklicher Hühner. Einheimische und Gäste legen immer mehr wert auf regionale Erzeugnisse und Tierwohl und sind auch bereit, einen höheren Preis dafür zu zahlen als im Discounter.
Und dass die handzahmen Hühner bestens gehalten und glücklich sind, kann man nicht bestreiten. Als wir auf das Hühnermobil zugehen, höre ich Blasmusik. »Nicht im Ernst für die Hühner?«, denke ich. Bene lacht. Er habe das so gelernt, das sei, dass die Hühner sich an Geräusche gewöhnen, sagt er. Außerdem sei es ein Spaßfaktor. »Unsere Hühner hören »Bayern Heimat«, dann legen sie besser!«

Text: Isabel Koch
Fotos: Isabel Koch

 

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