Wieviel Restmilch darf im Euter bleiben?

18. Januar 2019

Bleibt nach dem Melken zu viel Milch im Euter, werden Milchleistung und Eutergesundheit beeinträchtigt. Durch fachgerechte Melkarbeit und Melktechnik lässt sich das verhindern.

Bei geringer Melkgeschwindigkeit verbleiben besonders in stark gefüllten Eutern deutlich wahrnehmbare Mengen gebundener Restmilch, während diese Euter bei zügigem Melken vollständig entleert werden. © Hömberg

Darüber, wie leer die Euter nach dem Melken sein müssen, scheiden sich die Geister. Während viele Landwirte aufgrund ihrer Erfahrung bestrebt sind, die Euter möglichst vollständig auszumelken, sehen Berufskollegen sowie einige Vertreter von Melktechnikindustrie und Beratung das entspannter. Sie argumentieren, dass es völlig normal sei, wenn sich nach dem Melken noch Milch in den Eutern befindet. Wer hat da nun Recht?

Ehe man diese Frage beantworten kann, muss man erst einmal klären, wo und warum sich nach der Abnahme der Melkzeuge noch Milch im Euter befindet und welche Auswirkungen sie auf das Eutergewebe hat. Wohl jedermann bekannt sind die klassischen Nachgemelke. Dabei handelt es sich um „lose Restmilch“, die sich gegen Ende des Melkens in den Hohlräumen des Euters (Zisternen) ansammelt. Sie kann nur durch Hinunterdrücken der Melkzeuge gewonnen werden. Da das zeitraubend und anstrengend ist, glauben es viele Milchviehhalter nur zu gerne, wenn man ihnen sagt, dass die Nachgemelke „moderner Hochleistungskühe“ vernachlässigbar gering seien. Umfangreichen Erhebungen der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden zufolge trifft diese Aussage jedoch nur bei Kühen mit kompakten, gesunden Eutern zu. Hier belaufen sich die Nachgemelkmengen tatsächlich meist nur auf 100 bis 200 g. Ganz anders sieht es hingegen aus, wenn die Euter groß und faltig sind, wie es bei alten Kühen und fleischbetonten Rassen üblich ist. Solche Euter weisen Nachgemelke von bis zu 1 kg und mehr auf.

Neben den Zisternen kann auch das Milchbildungsgewebe nach dem Melken noch größere Milchmengen enthalten. Man spricht hier auch von „gebundener Restmilch“. Denn aus den Alveolen und engen Milchgängen kann man die Milch auch mit noch so hohem Vakuum nicht einfach absaugen. Vielmehr muss die Milch erst dadurch freigesetzt und in die Euterzisternen verlagert werden, dass sich die Muskelzellen des Milchbildungsgewebes (Myoepithelzellen) durch die Wirkung des Hormons Oxytocin zusammenziehen. Und hier liegt ein Problem: Bekanntermaßen geht der Milchfluss nach einigen Minuten drastisch zurück, um meist nach ca. acht bis zehn Minuten vollständig zu versiegen. Das gilt auch, wenn sich dann noch größere Restmilchmengen im Euter befinden. Ursache für das Versiegen des Milchflusses ist nach neueren Erkenntnissen nicht so sehr der sinkende Oxytocinspiegel, sondern eher eine Ermüdung der Eutermuskulatur und/oder eine Sättigung der Oxytocinrezeptoren des Euters. Was auch immer der genaue Grund ist: Erwiesen ist, dass die Oxytocinwirkdauer begrenzt ist.

Problemfall „Langsames Melken“

Das bedeutet, dass damit die Zeit zum vollständigen Ausmelken des Milchbildungsgewebes begrenzt ist und dass somit besonders beim Melken prall gefüllter Euter Eile geboten ist. Diese Erkenntnis wird sowohl durch wissenschaftliche Studien als auch durch die Erfahrung in unzähligen Milchviehbetrieben bestätigt: Bei geringer Melkgeschwindigkeit verbleiben besonders in stark gefüllten Eutern deutlich wahrnehmbare Mengen gebundener Restmilch, während diese Euter bei zügigem Melken vollständig entleert werden. Als Ursache eines zu langsamen und somit unvollständigen Melkens stellen sich immer wieder vermeidbare Mängel der Melktechnik und -routine heraus. Zu nennen sind hier neben unzureichender Vorstimulation schief hängende Melkzeuge, ebenso wie Pulsatormängel und Zitzengummis falscher Größe oder schlechter Qualität. Ein weiterer verbreiteter und unnötiger Grund liegt in sogenannten „milchflussabhängigen Vakuumverlusten“, also dem mit zunehmendem Milchfluss überproportional starken Abfall des Vakuums in den Zitzengummis. Sinkt dieses sogenannte Zitzenvakuum während der Saugphasen auf deutlich unter 38 kPa, hat das bei Kühen mit normaler Melkbarkeit zur Folge, dass die Melkgeschwindigkeit stark abnimmt und das Erreichen der biologisch möglichen Milchflussraten verhindert wird. Das somit langsame Melken bewirkt wiederum wegen der ja begrenzten Oxytocinwirkdauer eine unvollständige Milchejektion, also eine unvollständige Entleerung des Milchbildungsgewebes. Zu erkennen ist diese oft daran, dass die Euter nach dem Melken nicht (vollständig) einfallen und dass die Kühe im Stall „Milch laufen lassen“.

Im Euter verbleibende Restmilch wirkt sich nicht nur ungünstig auf die Milchleistung aus. Darüber hinaus beeinträchtigt sie auch die Eutergesundheit. Die meisten Milchviehhalter haben schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass es schnell zu einem Anstieg der Zellzahlen und zu akuten Euterentzündungen kommt, wenn ihre Kühe den Melkstand mit schlecht ausgemolkenen Eutern verlassen. Der Grund dafür ist, dass mit der Restmilch Nährstoffe und bei infizierten Eutern auch Krankheitserreger sowie deren Stoffwechselprodukte in den Eutern verbleiben. Letztere sind für die Euter ein Zellgift.

Ausmelkgrad contra Melkdauer

Das bedeutet allerdings nicht, dass auch noch der letzte Tropfen Milch aus den Eutern entfernt werden muss. Spätestens dann, wenn man für die Gewinnung sehr geringer Milchmengen unverhältnismäßig viel Zeit benötigt, ist der Schaden des intensiven Ausmelkens infolge der erhöhten Belastung des Zitzengewebes höher als der Nutzen. Vielmehr gilt es, den am wenigsten schädlichen Kompromiss zwischen Melkdauer und Ausmelkgrad zu finden. Unter Berücksichtigung dieser Anforderung empfehlen die meisten Forscher, dass sich nach Abnahme der Melkzeuge im Euter nicht mehr als ca. 300 ml Restmilch befinden sollten. Nach dem Melken kann sich auch in den Eutern heutiger Hochleistungskühe noch kritisch viel Restmilch befinden. Allein deren Nachgemelke liegen in knapp 40 % der Fälle oberhalb 0,5 kg und bei mehr als 10 % sogar zwischen 1 und 2 kg.

Dr. Dirk Hömberg

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