Tierindividuelle Strategien als Schlüssel

19. März 2026

Ist es möglich, hochleistende Milchkühe tierindividuell anhand relevanter Parameter des einzelnen Tieres zu besamen? Welche Auswirkungen hat dies auf die Tiergesundheit, die Persistenz, die Fruchtbarkeit und die Körperkondition der Kühe? Werden womöglich Antibiotika eingespart? Ein Projekt hat sich dieser Fragestellungen angenommen.

Durch den gezielten Einsatz des TBS-Rechners lässt sich die Laktationsdauer aufgrund der höheren Persistenz bei leistungsstarken Tieren sinnvoll verlängern, was zu einer besseren Körperkondition, gesteigerter Fruchtbarkeit und einer insgesamt stabileren Tiergesundheit führt. Foto: agrarfoto

Unmittelbares Ziel vom BMLEH bis August 2025 geförderte Modell- und Demonstrationsprojekts (MuD) »VerLak – Verlängerung der Laktationsperiode und selektives Trockenstellen zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes bei Milchkühen« war es, praxisgeeignete Konzepte zur Verringerung des Antibiotikaeinsatzes in der Praxis der Milcherzeugung in der Primärproduktion einzuführen. Als Kernmethode wurde dazu die Verlängerung der Laktationsdauer, verknüpft mit dem selektiven Trockenstellmanagement, genutzt. Die Basis war die Annahme, dass sich bei einer Verlängerung der Laktationsperiode und Zwischenkalbezeit (ZKZ) die Anzahl an Kalbungen je Kuh und Lebensjahr über die Gesamtzeit vermindert.

Milchleistungen und kritische Phasen bei etablierter (hellgrüner Linienverlauf) und verlängerter Laktation (dunkelgrüne Linie).

Dementsprechend sinken die risikobehafteten Transitphasen rund um die Kalbung eines Tieres, in denen der Arzneimitteleinsatz für eine Milchkuh häufig besonders hoch ist. Mit der Entwicklung eines TBS-Rechners (Modul zur Berechnung des tierindividuellen Besamungsstarts) wurde es möglich, eine Milchkuh abhängig von spezifischen Leistungsparametern der Kuh im Laktationsverlauf zu besamen. Dieses vom Projektteam eigens entwickelte Werkzeug prognostiziert nach Eingabe der Laktationsnummer, der 7-Tage-Milchleistung des Tieres und der gewünschten Milchmenge zum Trockenstellen eine tierindividuelle Laktationskurve und kann so eine Empfehlung für die erste Besamung ausgeben. In der praktischen Umsetzung auf den zehn am Projekt teilnehmenden Betrieben wurden jeweils 130 Kühe nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeordnet:
– Kontrollgruppe (KG): 65 Kühe wurden wie gewohnt frühzeitig besamt.
– Versuchsgruppe (VG): 65 Kühe erhielten ihren ersten Besamungstermin gemäß der Empfehlung des TBS-Rechners.

Es funktioniert!

Die Ermittlung des optimalen Besamungszeitpunkts erfolgt auf Basis einer komplexen Schätzformel, die die angestrebte Milchmenge zum Trockenstellen berücksichtigt. Aufgrund individueller Unterschiede im Laktationsverlauf unterliegt die Prognose einer gewissen Unsicherheit. Daher wird empfohlen, die Berechnung innerhalb des fruchtbaren Zeitfensters mehrfach durchzuführen. Zur Verbesserung der Vorhersagegenauigkeit wurden bereits umfangreiche Milchleistungsdaten in die Modellierung integriert. Weitere Optimierungen der Schätzparameter sind jedoch notwendig, um die Prognosepräzision des TBS-Rechners künftig zu erhöhen. Doch welche Änderungen im Betriebsmanagement ergeben sich durch eine tierindividuelle Besamung? Welche Vorteile und auch Nachteile bringt diese mit sich?

Die Berechnung des tierindividuellen Besamungsstarts mittels TBS-Rechner erfordert einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand, der nicht von der Hand zu weisen ist. Jedoch konnte im Rahmen des VerLak-Projektes festgestellt werden, dass der Besamungsindex der Kühe, welche mittels TBS-Rechner besamt wurden, bei den Mehrfachlaktierenden deutlich geringer und zudem der Erstbesamungserfolg bedeutend höher ausfiel. Dies führt wiederum zu einem Ersparnis an Arbeitszeit und Aufwand. Eine tierindividuelle Besamung und mitunter dadurch eine deutlich verlängerte Laktation bei leistungsstarken Tieren führte durchschnittlich zu einer etwa 47 Tage längeren Zwischenkalbezeit.«

Zunahme von überkonditionierten Tieren?

Zum Projektbeginn wurde auf den VerLak-Betrieben keine systematische Erfassung der Körperkondition (Body Condition Score, BCS) durchgeführt. Die BCS-Beurteilung erlaubt eine einfache, schnelle Einschätzung der Energiereserven einer Milchkuh und dient damit als wertvolles Hilfsmittel zur Früherkennung von Fütterungsfehlern und Gesundheitsproblemen. Insbesondere übermäßige Körperfettreserven gelten als Risikofaktor für Stoffwechselstörungen. Zur Verbesserung der Vergleichbarkeit zwischen den Betrieben wurde die übliche 5-Punkte-BCS-Skala auf drei Stufen vereinfacht. Die Erhebung erfolgte an mindestens drei standardisierten Zeitpunkten: zum Trockenstellen, zur Kalbung sowie fünf bis zehn Tage post partum. Diese Zeitpunkte stellten aus betrieblicher Sicht eine realistische Mindestfrequenz dar. Obwohl der zusätzliche Aufwand zunächst als hoch eingeschätzt wurde, integrierten einige Betriebe die BCS-Erfassung dauerhaft in ihr Management. Ein Betrieb implementierte ein automatisiertes Kamerasystem zur kontinuierlichen BCS-Erhebung, ein Hinweis auf die hohe betriebliche Relevanz und den wahrgenommenen Nutzen der Methode.

Im Vergleich zu den Kontrolltieren lag die Körperkondition der Versuchstiere überwiegend im physiologisch günstigen Bereich. Im Rahmen des Projektes zeigte sich ein signifikanter Effekt der TBS-gestützten Besamung auf die Körperkondition der Kühe. Der mittlere BCS der Versuchstiere lag um 0,08 Punkte (Skala 1–3) über dem adjustierten Mittelwert der Kontrollgruppe (p = 0,0018). Betriebs- und tierindividuelle Effekte wurden in der Analyse berücksichtigt. Zwischen den Projektbetrieben traten jedoch klare Differenzen in den BCS-Ergebnissen auf, was auf standort- bzw. managementbedingte Effekte zurückzuführen ist.

Konnte der Antibiotikaeinsatz reduziert werden?

Ein verantwortungsvoller Antibiotikaeinsatz beginnt mit gezielter Vorsorge. Wer Gesundheitsprobleme früh erkennt und konsequent handelt, senkt das Infektionsrisiko nachhaltig. Das selektive Trockenstellen ist dabei ein zentrales Instrument: Nur infizierte Kühe erhalten Antibiotika, gesunde Tiere lediglich einen internen Zitzenversiegler. Hygienisch korrekt angewendet, bleibt auch bei einem nicht-antibiotischen Trockenstellen die Eutergesundheit erhalten. Auch bei Mastitis hat sich ein gezieltes Vorgehen auf Basis von Milchuntersuchungen gegenüber pauschalen Behandlungen klar bewährt. Im Rahmen des MuD-Projekts VerLak wurde der Gedanke verfolgt, dass sich durch die Reduktion kritischer Phasen im Leben einer Milchkuh, etwa durch gezielte Besamung und damit bei einigen hochleistenden Kühen einhergehende verlängerte Laktationen, der Antibiotikaeinsatz deutlich senken lässt. Denn insbesondere Trockenstellen, Kalbung und Laktationsbeginn gelten als besonders sensible Phasen für die Eutergesundheit.

Kritische Phasen für die Eutergesundheit im Laktationsverlauf (nach Bradley & Green, 2004, Vet. Clin. North Am. Food Anim. Pract.).

In den Projektzeitraum fiel die Umstellung auf das selektive Trockenstellen, das mit Inkrafttreten der EU-Tierarzneimittelverordnung (EU) 2019/6 zum 1. Januar 2022 verpflichtend wurde. Diese Verordnung untersagt den prophylaktischen Einsatz von Antibiotika bei eutergesunden Kühen und fordert ein gezieltes, indikationsbasiertes Vorgehen.

Positive Auswirkungen

Die Auswertungen im Projekt VerLak zeigen deutlich, dass strukturelle Managementanpassungen, wie individuell verlängerte Laktationen und selektives Trockenstellen, sich positiv auf die Eutergesundheit auswirken können. So lag die klinische Mastitisinzidenz in der Versuchsgruppe mit 0,252 Fällen pro Kuhjahr unter Risiko niedriger als in der Kontrollgruppe (0,295 Fälle) – ein Rückgang um 4,3 % (p = 0,09). Auch bei den antibiotischen Wirktagen und lokal applizierten Dosen zeigte sich ein positiver Trend. Heilungs- und Neuinfektionsraten während der Trockenperiode sowie Mastitisinzidenzen in der Folgelaktation blieben zwischen den Gruppen vergleichbar. Die verlängerte Laktation führte zudem zu weniger Trockenstellperioden und damit zu einem geringeren Bedarf an antibiotischen Trockenstellern.
Die teils deutlichen Unterschiede zwischen den Betrieben weisen darauf hin, dass der Erfolg individuell verlängerter Laktationen stark von betriebsspezifischen Faktoren abhängt. Ihr Potenzial zur Antibiotikareduktion ist gegeben, setzt jedoch eine angepasste betriebliche Umsetzung voraus.

Einfluss der Verlängerung

Die 305-Tage-Leistung ist generell bei Kühen mit längeren Laktationen höher. Ursache dafür ist die bessere Persistenz der Laktation hochleisternder Milchkühe. Jedoch überraschte die Höhe der Unterschiede. Während Jungkühe, die früh tragend wurden (unter 370 Tage ZKZ), durchschnittlich 7 741 kg Milch erreichten, betrug diese Leistung bei Kühen, die erst sehr spät wieder trächtig waren (über 490 Tage ZKZ), 9 622 kg Milch, also etwa 24 % mehr in 305 Tagen. Bei Altkühen betrug diese Differenz sogar 2 418 kg, was etwa 25 % entspricht. Diese Unterschiede basieren aber auch auf den tierindividuellen Besamungsbeginnen, die an der Milchleistung orientiert waren. Letztendlich ist die tägliche Milchmenge entscheidend, die mit 32,3 kg ECM genau gleich war bei den Kühen der Kontroll- sowie Versuchsgruppe. Aber die Kühe der Versuchsgruppe hatten eine um 47 Tage längere Laktation. Sie gaben also genauso viel Milch je Tag, aber länger. Je Laktation waren es 1 518 kg Milch mehr je Kuh.
Vielversprechender Ansatz

Die Ergebnisse des Modell- und Demonstrationsvorhabens »VerLak« zeigen eindrucksvoll, dass eine tierindividuell gesteuerte Besamung, basierend auf dem Energiehaushalt und dem Laktationsverlauf der einzelnen Kuh, ein vielversprechender Ansatz für eine nachhaltigere und tiergerechtere Milchproduktion sein kann. Durch den gezielten Einsatz des TBS-Rechners lässt sich die Laktationsdauer aufgrund der höheren Persistenz bei leistungsstarken Tieren sinnvoll verlängern, was zu einer besseren Körperkondition, gesteigerter Fruchtbarkeit und einer insgesamt stabileren Tiergesundheit führt.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse eine klare Tendenz zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes, insbesondere durch die Verringerung kritischer Lebensphasen. Die verlängerten Zwischenkalbezeiten wirkten sich nicht negativ auf die Milchleistung aus, im Gegenteil: In vielen Fällen konnte diese sogar gesteigert werden. Die Umsetzung dieser Strategie erfordert jedoch betriebsindividuelle Anpassungen, ausreichend Managementkompetenz und die Bereitschaft, neue Technologien wie den TBS-Rechner dauerhaft in den Arbeitsalltag zu integrieren. Wo diese Voraussetzungen gegeben sind, kann die tierindividuelle Steuerung der Reproduktion einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung von Tierwohl, Produktivität und Nachhaltigkeit im Milchviehbetrieb leisten.

Anna-Luise Böhm, Frankenförder Forschungsgesellschaft mbH, Anke Römer, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV,
Christian Fidelak, IFN Schönow e. V.

Der Beitrag wurde veröffentlicht im Allgäuer Bauernblatt 11/2026

Allgäuer Bauernblatt

Beitrag teilen: |

Partner

Newsletter

Abonnieren Sie unsere Newsletter und bleiben Sie immer auf dem Laufenden, bei den Themen, die Sie interessieren!

Zur Anmeldung:

.embedded-sidebar { display: none; }