Dippmittel – die Qual der Wahl

3. September 2026

Der Markt stellt eine Fülle von Zitzenbädern und Zitzensprays zur Verfügung. Wir zeigen, worin sie sich unterscheiden und wie sie fachgerecht zum Einsatz kommen.

Abb.: Reinecke

Dippmittel enthalten einen mehr oder minder großen Anteil an Pflegemitteln. Werden sie mit dem Fokus auf diese Komponenten verkauft und ist die enthaltene Desinfektionskomponente im Wesentlichen zur Konservierung des Mittels gedacht, spricht man von Zitzenpflegemitteln. Der pflegende Anteil des Dippmittels ist nicht zu unterschätzen, da Infektionserreger auf einer spröden, trockenen Zitzenhaut mehr Möglichkeiten haben anzuhaften als auf einer glatten.

Mittel und ihre Inhaltsstoffe

Bei den Inhaltsstoffen zur Zitzenpflege wird zwischen Feuchthaltemitteln und Feuchtigkeitsbarrieremitteln unterschieden. Feuchthaltemittel ziehen Feuchtigkeit in die äußeren Hautschichten und halten diese so weich und geschmeidig. Zu ihnen gehören Glycerin, Propylenglykol, Sorbitol, Aloe und Allantoin. 

Glycerin ist hygroskopisch, absorbiert also Feuchtigkeit aus der Luft und verleiht dem Dippmittel eine leicht fettige Konsistenz. Es bindet mehr Feuchtigkeit als Sorbitol und Propylenglykol und kommt vor allem in gebrauchsfertigen Produkten zum Einsatz.

Propylenglykol ist eher in Dippmittelkonzentraten zu finden und spendet ebenfalls Feuchtigkeit, begünstigt zusätzlich die Aufnahme weiterer Pflegemittel in die Haut und ist etwas kostengünstiger.
Sorbitol ist ebenfalls hygroskopisch und wird gerne bei trockener und rissiger Haut angewendet.

Das Gel, welches aus dem Inneren der Blätter der Aloe gewonnen wird, ist bekannt für seine kühlenden und beruhigenden Eigenschaften und ist auch auf gereizter Haut oder Zitzenhaut mit Wunden einsetzbar. Aloe Vera ist reich an Inhaltsstoffen, enthält beispielsweise neben ätherischen Ölen und Aminosäuren auch Salicylsäure, Vitamine und Enzyme.

Allantoin, ein Extrakt des Beinwells, wird ebenfalls als Feuchthaltemittel eingesetzt. Da es einer Verhornung (Hyperkeratose) der Haut entgegenwirkt, ist der Einsatz insbesondere dort sinnvoll, wo die Zitzen einer hohen mechanischen Belastung beim Melken ausgesetzt und beispielsweise bereits Hyperkeratosen im Bereich der Zitzenkuppen sichtbar sind. Auch diese Pflegekomponente kann auf wunder Haut mit dem Ziel der Zellregeneration eingesetzt werden.

Feuchtigkeit behalten

Feuchtigkeitsbarrieremittel bilden eine Barriere auf der Haut, die verhindert, dass bereits auf/in der Haut befindliche Feuchtigkeit verdunstet. Als Feuchtigkeitsbarrieremittel kommen meist Lanolin bzw. Lanolinderivate zum Einsatz. Letztere sind in geringen Konzentrationen wasserlöslich. Lanolin – auch Wollwachs genannt – entstammt den Talgdrüsen der Schafe und wird aus deren Wolle extrahiert. Es bringt als Besonderheit mit sich, dass es in die oberste Hautschicht eindringt, sodass es als Trägersubstanz für andere Wirkstoffe dienen kann, die von der Haut aufgenommen werden sollen. Es macht die Haut weich und versiegelt sie quasi vor Feuchtigkeitsverlust. Ein deutlich bekannteres aber im Wesentlichen in Melkfett verwendetes Feuchtigkeitsbarrieremittel ist Vaseline. Auch Bienenwachs, Pflanzenöle wie Kokosöl und Jojobaöl und Mineralöle gehören zu den Feuchtigkeitsbarrieremitteln.

Kein eigenes Aufwerten

Der Gehalt der pflegenden Komponenten wird industrieseitig auf den Einsatzzweck des Produktes, aber auch auf die Desinfektionskomponente abgestimmt. Zwar wird häufig angenommen, dass es kein »Zuviel« an Pflegemitteln geben kann, an dieser Stelle sei jedoch davor gewarnt, bei gebrauchsfertigen Mitteln zusätzliche Pflegekomponenten hinzuzufügen. Zum einen wird dadurch das Mischungsverhältnis verändert, was das Ausfällen anderer Dippmittelkomponenten wie Jod zur Folge haben kann, zum anderen können zu hohe Gehalte an Glycerin (über 15 %) zu einer Verstopfung der Hautporen führen und die keimabtötende Wirkung der Desinfektionskomponente reduzieren.

Erreger beseitigen

Mit dem Einsatz von Zitzendesinfektionsmitteln sollen Mastitiserreger von der Zitzenhautoberfläche beseitigt und Mikroorganismen im Strichkanal abgetötet werden. So lassen sich insbesondere Infektionen mit ansteckenden Mastitiserregern signifikant senken. Die Desinfektionswirkung wird über verschiedene Wirkstoffe erreicht.

Jod ist ein schnell wirksames, oxidatives Desinfektionsmittel mit breitem mikrobiologischen Spektrum. Es reagiert unspezifisch mit allen Zellbestandteilen von Keimen und stört die Zellfunktionen. Es wirkt nicht nur gegenüber Bakterien, sondern auch bei Viren, Hefen und Schimmelpilzen. Um Jod in Lösung zu bringen, wird es meist an Tenside gebunden. Die desinfizierende und damit aktive Substanz ist allerdings das freie, nicht gebundene Jod. Je höher dessen Anteil ist, desto besser die Desinfektionswirkung. Da Jod mit organischem Material reagiert, muss auf ein sauberes Arbeitsumfeld, d. h. sauberes Dippzubehör, saubere und trockene Zitzenhautoberflächen geachtet werden. Die Wirkung von Jod ist unabhängig von der Temperatur, sodass die Produkte auch im Winter effizient desinfizieren. Dies setzt allerdings voraus, dass ein Einfrieren verhindert wird. Jodhaltige Dippmittel sind fester Bestandteil bei Sanierungen von Betrieben mit Infektionen durch Erreger wie Staphylococcus aureus oder Streptococcus agalactiae.

Chlordioxid wirkt – wie Jod – oxidativ. Bei Zwei-Komponenten-Dippmitteln entsteht Chlordioxid, wenn man Natriumchrlorit und Milchsäure zu gleichen Teilen miteinander mischt. Angesetzte Zwei-Komponenten-Dippmittel weisen einen sehr niedrigen pH-Wert auf, sodass die Zitzenhaut bei Wechsel von einem anderen Inhaltsstoff anfänglich gereizt sein kann. Chlordioxid ermöglicht eine schnelle, kurz wirksame Desinfektion, die durch den niedrigen pH-Wert allerdings verlängert wird. Diese Desinfektionswirkung wird vor allem auf Betrieben mit Infektionen durch Umwelterreger genutzt, da man sich eine Desinfektion bis hinein in die Zwischenmelkzeit erhofft. Auch Chlordioxid wird ein breites Wirkspektrum bescheinigt. In den meisten Fällen ist diese Desinfektionskomponente allerdings instabil, sodass das Dippmittel nach Herstellervorgaben neu angemischt werden muss.

Chlorhexidin tötet je nach Erreger Bakterien ab oder hemmt diese in ihrer Vermehrung, indem es den Stoffwechsel der Zellmembran beeinflusst. Es haftet lange auf der Haut und wird besonders gern bei unzureichenden hygienischen Bedingungen im Bereich der Aufstallung, beispielsweise infolge Überbelegung, eingesetzt, da es kaum Wirkungsverlust trotz Anwesenheit organischer Materialien wie Kot etc. zeigt. Allerdings fördern Sonneneinstrahlung oder eine alkalische Umgebung einen raschen Wirkverlust, sodass Betriebe mit Weidegang oder Einsatz eines alkalisierenden Einstreukalks mit einer anderen Desinfektionskomponente besser bedient sind. Vorsicht ist auch bei erhöhtem Keimdruck mit gramnegativen Keimen (insbesondere Klebsiellen und Serratien) oder Pseudomonaden geboten, da die desinfizierende Wirksamkeit diesen Keimen gegenüber gering ist, bei Staphylokokken und Streptokokken hingegen gut.

Milchsäure ist eine organische Säure, die den pH-Wert ihrer Umgebung absenkt, wodurch sie einige Erreger in ihrer Vermehrung hemmt oder aber auch deren Zellmembran schädigt und inaktiviert. Sie hemmt zudem metabolische Enzyme, die für den Stoffwechsel der Bakterien wichtig sind. Milchsäure ist gut hautverträglich, lässt sich problemlos mit anderen Hautpflegemitteln kombinieren. Anders als bei Jod, lässt sich bei Milchsäure keine verbesserte Desinfektion durch höhere Konzentrationen an Milchsäure im Produkt darstellen. Ein Zuviel an Milchsäure könnte einen hautschälenden Effekt haben, sodass bei der Produktformulierung ein Gleichgewicht zwischen Hautverträglichkeit und Desinfektion angestrebt wird. Bei Milchsäure ist unbedingt darauf zu achten, dass kein Schmutz in den Kanister gelangt, da sich im Produkt insbesondere Hefen ungehindert vermehren können.

Glykolsäure: Man empfiehlt den Einsatz vor allem auf Zitzen, die durch trockene Haut auffallen. Über die Glykolsäure wird der Feuchtigkeitsgehalt der Haut erhöht und durch den peelenden Effekt die trockenen Hautschüppchen entfernt. Teilweise wird eine Kombinationen aus Salicylsäure und Glykolsäure angewendet. Salicylsäure ist fettlöslich. Sie soll dadurch tiefer ins Poreninnere vordringen und sich besser für fettige Haut eignen, die zu verstopften Poren neigt, als Glykolsäue. Die Salicylsäure ist dann quasi Wegbereiter für die Glykolsäure. Diese dringt dadurch ebenfalls tiefer in die Hautporen ein und sorgt unter anderem für die Abtötung von Keimen.

Unterschiedliche Konsistenz

Besonders zähflüssige Produkte sollen eine mechanische Barriere bilden, die den Zitzenkanaleingang vor dem Eindringen von Umwelterregern schützt. Empfohlen werden hier rasch abtrocknende und vor der nächsten Melkzeit leicht zu entfernende Produkte.

Bilden die Mittel einen feuchten Film, besteht das Risiko, dass Einstreumaterial und damit auch Schmutzkeime an der Zitzenhaut haften bleiben, wenn das Tier sich nach dem Melken in die Liegebucht legt. Trocknet das Barrieremittel zu einer festen Schicht ab, erschwert dies die Reinigung der Zitzen vor dem nächsten Melken. Während dickflüssige Produkte häufig tropfarm sind, laufen dünnflüssige Produkte eher an am Zitzenschaft nach unten. Dies muss nicht von Nachteil sein, da sich so ein Dippmitteltropfen im Bereich des Strichkanaleingangs ansammelt, also dort, wo die Höhe der Keimbesiedlung mit der Anzahl an Neuinfektionen korreliert.

Abgelaufene Produkte sollten nicht mehr angewendet und gebrauchsfertige Produkte niemals mit Wasser oder Pflegemitteln verdünnt werden, da immer die Gefahr besteht, dass durch Änderung des Mischungsverhältnisses die ausgelobten Produkteigenschaften verloren gehen. Bei Jodprodukten ist dies besonders kritisch, da das Jod auskristallisieren und der Anteil an freiem Jod drastisch sinken kann. Konzentrate sind entsprechend Herstellervorgaben mit Wasser von Trinkwasserqualität anzusetzen. Die beste Benetzung, also eine Benetzung der Zitze von der Kuppe bis zur Zitzenbasis, wird bei Anwendung von Zitzendippmitteln mittels sogenannter Dippbecher mit einer auf diesen Vorratsbehälter aufschraubbaren meist 30 ml umfassenden Dippmulde erreicht. Diese Dippmulde ist optimalerweise mit einem Spritzschutzrand ausgestattet, der zudem ein Überlaufen des Dippmittels verhindert.

Bei den Dippbechern ist die Anwendung eines Non-Return-Bechers zu bevorzugen, bei dem eine Rücklaufsperre im Inneren des Aufsatzes verhindert, dass einmal mit Zitzenhaut in Kontakt gekommenes Dippmittel in den Vorratsbehälter zurückläuft. Da jeder Kontakt des Dippmittels mit Zitzenhaut zu einer Keimanreicherung des Mittels führen kann, wird so verhindert, dass Keime in den Vorratsbehälter gelangen. Trotz der Rücklaufsperre wird auch bei Non-Return-Bechern empfohlen, nach dem Dippen von ca. 25 Tieren die in der Dippmulde befindliche Lösung zu verwerfen und die Mulde auszuspülen.

Das Für und Wider

Bei Spardippbechern ist das Volumen der Dippmulde meist reduziert, sodass die Zitze nicht mehr vollständig in die Dippmulde eingetaucht werden kann. Mit diesen Dippbechern soll die Minimalanforderung – nämllich das Hinterlassen eines Dippmitteltropfens an der Zitzenkuppe – erreicht werden. Eine vollständige Benetzung der Zitze wird nicht gewährleistet.

Dippbecher mit Nylonfadeneinsätzen an der oberen Kante der Tauchmulde bieten eine Einsparmöglichkeit, da beim Herunterziehen der Dippmulde von der gerade gedippten Zitze überschüssiges Dippmittel an den Nylonfäden hängen bleibt. Allerdings trägt das Entlangstreifen der Nylonfäden an der Zitzenhaut auch zu einer deutlich höheren Keimanreicherung in der Dippmulde bei, als dies bei herkömmlichen Dippbechern der Fall ist, sodass bei diesen Dippbechern eine noch gründlichere Reinigungsroutine zum Einsatz kommen muss. Teilweise sind Dippbecher mit einer Aufschäumfunktion ausgestattet. Taucht man die Zitzen in die Tauchmulde, wird der Schaum auf Zitzenschaft und -kuppe aufgetragen. Durch das Zerplatzen der Schaumbläschen läuft das Dippmittel an der Zitze entlang und sorgt so für eine gleichmäßige Benetzung der Zitzenhaut.

Restmengen entfernen

Am Ende der Melkzeit sollte das in der Dippmulde befindliche Mittel verworfen und die Dippmulde ausgespült werden. Dippbecher sollten spätestens dann ausgetauscht werden, wenn der Rand des Überlaufschutzes rau und eingekerbt ist. Zitzensprühflaschen oder Lanzen ermöglichen ein hygienisches Auftragen des Dippmittels, machen allerdings für eine gründliche Benetzung der Zitzen eine höhere Produktmenge erforderlich.
Durch die beim Sprühen entstehenden Sprühschatten muss mehrfach gesprüht werden. Während beim Dippen mit Dippbecher der Produktverbrauch mit Länge und Durchmesser – also dem Volumen der Zitze – korreliert (bei kurzen schmalen Zitzen also kleiner ist als bei langen breiten), wird beim Sprühen pro Sprühstoß unabhängig vom Volumen der Zitze Dippmittel aufgebracht. Deswegen wird bei Sprühanwendung mit einem doppelt so hohen Produktverbrauch als bei Tauchanwendung kalkuliert. Die Sprühfunktion muss bei aufrecht stehender Flasche gegeben sein. Qualitativ hochwertige Flaschen verhindern zudem durch eine spezielle Ventiltechnik den Druckabfall nach Sprühpausen. Automatische, vakuumbetriebene Zitzensprühsysteme sollten vierteljährlich mittels Tupferproben beprobt werden, um eine Keimvermehrung im Leitungssystem auszuschließen.

Dr. Friederike Reinecke, RP Gießen

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