Was bringen Dippmittel wirklich?

9. März 2022

Braun, knallig grün, blau, zähflüssig oder sprühfähig: Das Angebot an Euterhygieneprodukten für den Einsatz nach dem Melken ist mittlerweile unüberschaubar. Die Werbeslogans sind vielversprechend, aber über die konkrete Zusammensetzung und Wirkung des Produktes steht in den Werbetexten oft wenig.

Die positive Wirkung von hochwertigen Produkten auf die Eutergesundheit ist unumstritten, aber Wunder können Dippmittel auch nicht wirken. Und die Kosten für den Mitteleinsatz sind auch nicht unerheblich. Umso wichtiger ist es, Euterhygieneprodukte gezielt und nach den gegebenen Erfordernissen einzusetzen.

Dippen als Teil der Mastitisvorbeugestrategie

Das Desinfizieren der Zitzen nach dem Melkvorgang, auch als »Dippen« oder »Zitzentauchen« bezeichnet, gilt als weltweit anerkannte Maßnahme zur Mastitisvorbeugung. Es hat jedoch keinen Einfluss auf bereits bestehende Euterentzündungen. Betriebe mit dauerhaft hohen Zellzahlen werden durch den alleinigen Einsatz eines Dippmittels nicht ihre Eutergesundheitsprobleme lösen. Vielmehr muss ein Dippmittel als Puzzleteil bei der Vorbeugestrategie gesehen werden, um die Milchkuh bei ihrem natürlichen Abwehrverhalten gegen »Krankmacher« zu unterstützen. Dazu zählen eine saubere Stallumgebung, leistungsgerechte Fütterung mit hochwertigen Futtermitteln, fundiertes Trockenstellmanagement, optimal gewartete Melktechnik, eine gute Zitzenkondition und nicht zuletzt eine gute Hygiene beim Melkvorgang. Die Wirksamkeit eines Dippmittels lässt sich an der Rate der Neuinfektionen während der Anwendung über mehrere Wochen am besten beurteilen. Studien zufolge kann die Neuinfektionsrate durch Dippen oder Sprayen nach dem Melken um mehr als 50 Prozent gesenkt werden.

Interessant ist, dass bereits im Jahr 1916 ein Zitzendippmittel zur Reduktion von Streptococcus agalactiae auf Basis von Pinienöl beschrieben wurde. Milchproduktion zur menschlichen Ernährung ohne das Auftreten von Euterentzündungen gibt es wohl nicht. Auch wenn sich die Milchtiere, die Haltungsbedingungen, die Futtergrundlage und die gesamte Milchproduktion seit damals gravierend verändert haben, ein Zitzendippmittel hat nach wie vor die gleiche Aufgabe: die Senkung der Mastitiserreger auf der Zitzenhaut.

Eine gesunde Zitzenhaut hat einen natürlichen Säure-Schutzmantel, wird von nicht pathogenen Milchsäurebakterien besiedelt und ist glatt und geschmeidig. Zur natürlichen Hautflora von Milchkühen zählen auch Koagulase negative Staphylococcen (KNS), die bei einer Abwehrschwäche eine Euterentzündung hervorrufen können. Diese Infektionen verlaufen meist subklinisch, also ohne Krankheitssymptome. Allerdings wird die Euterhaut durch die Reinigung, den Melkvorgang sowie äußere Umwelteinflüsse stark beansprucht. Kälte, Wind, Sonneneinstrahlung, aggressive Euterhygienemittel oder kalkhaltige Einstreumaterialien können die Zitzenhaut austrocknen lassen; die Haut wird sichtlich rissig und spröde. In Folge steigt das Risiko einer Euterentzündung, da auf einer rauen Haut mehr Schmutz und Mastitiserreger anhaften und diese leichter in den Strichkanal eindringen können. Desinfizierende und vor allem hautpflegende Wirkstoffe können hier Abhilfe schaffen. Zudem ist der Strichkanal nach dem Melken erweitert. Es kann über 30 Minuten dauern, bis sich der Strichkanal völlig verschließt. Bei einem hohen Keimdruck, können Mastitiserreger in dieser Zeit umso leichter die natürlichen Abwehrmechanismen in der Zitze überwinden und eine Entzündung verursachen.

Wie unterscheiden sich die angebotenen Dippmittel?

Zitzendesinfektionsmittel enthalten einen desinfizierenden Wirkstoff, der Keime auf der Zitzenhaut sicher abtötet, und müssen vor dem Inverkehrbringen zugelassen werden. Die am häufigsten eingesetzten desinfizierenden Wirkstoffe sind: Jodverbindungen, Milchsäure und Chlorhexidin. Diese Wirkstoffe sind bezüglich ihrer Wirksamkeit alle gleichermaßen zu empfehlen. Die wirksame Konzentration hängt vom Wirkstoff und dessen Wirkmechanismus gegen Mikroorganismen ab. Meist liegen die Konzentrationen zwischen 2.500 und 5.000 ppm. Es kann kein spezieller Wirkstoff gegen bestimmte Mastitiserreger empfohlen werden. Allerdings ist die Zitzendesinfektion unmittelbar nach dem Melken vor allem gegen Neuinfektionen durch Erreger, die während des Melkens von Euter zu Euter übertragen werden (euterassoziierte Erreger, wie Staphylococcus aureus, Streptococcus agalactiae und Streptococcus dysgalactiae), wirksam. Da die desinfizierende Wirkung von Zitzendesinfektionsmitteln nach dem Dippen meist nur kurz anhält, gewährleisten sie keinen guten Schutz vor Umwelterregern.

Dippmittel mit Jod als desinfizierende Komponente gelten als effizient, breitenwirksam und stabil. Da Jod nur begrenzt löslich ist, werden verschiedene chemische Trägerstoffe und Komplexverbindungen eingesetzt. Somit wird bei geringem Jodanteil eine hohe Konzentration an freiem Jod sichergestellt. Denn nur das freie Jod hat eine ausreichend bakterizide Wirkung. Als ein Nachteil jodhaltiger Präparate ist die Bildung von Joddämpfen anzusehen, was vor allem bei Sprühapplikation zu bedenken ist. Joddämpfe können zu Irritationen des Respirationstraktes von Mensch und Tier führen.
Chlorhexidin gilt als stabiles, breitenwirksames und lang anhaltendes Desinfektionsmittel. Produkte dieser Substanzklasse werden weniger als andere Zitzendippmittel durch Anwesenheit organischer Materialien in ihrer bakteriziden Wirkung beeinflusst. In Zweikomponenten-Dippmitteln wird meistens Chlordioxid als Desinfektionsmittel eingesetzt. Das hat eine sehr starke bakterizide Wirkung, gilt aber als hautreizend und sollte, wenn überhaupt, nur kurzfristig eingesetzt werden.

Seit einigen Jahren wird auch eine organische Säure als desinfizierender Wirkstoff in Dippmitteln eingesetzt: die Milchsäure; oft auch in Verbindung mit weiteren Wirkstoffen. Milchsäure hat eine zuverlässige desinfizierende Wirkung gegen Bakterien, Pilze und Viren und zersetzt sich rückstandsfrei.
Nahezu alle desinfizierenden Wirkstoffe entziehen vor allem in hohen Konzentrationen der Haut Feuchtigkeit und Fette. Daher sollten nur Zitzendippmittel mit pflegenden Komponenten (meist Glycerin, Lanolin oder Allantoin) eingesetzt werden. Allerdings ist es technisch sehr schwer, Pflege- und Desinfektionswirkungen unter einen Hut zu bekommen. Die Wirkungsweise von Dippmitteln kann also nur aus Kompromissen bestehen und so liegt der Pflegeanteil meist unter 10 %, da ansonsten die desinfizierende Wirkung leidet. Zur Gewährleistung der Sprühfähigkeit sind nur geringe Anteile an pflegenden Komponenten möglich.

Anwendung unterschiedlicher Dippmittel

Prinzipiell gelten bei der Anwendung von Dippmittel folgende Leitsätze:

– Gründlich dippen: 2/3 der Zitze sollten gleichmäßig vom Dippmittel bedeckt werden und eine Tropfenbildung an der Zitzenspitze ist erwünscht.
– Zur Entfaltung der bakteriziden Wirkung muss das Präparat mehrere Minuten einwirken.
– Die Anwesenheit von Kot, Harn oder Milch beeinträchtigt die desinfizierende Wirkung.
– Die Applikation des Mittels sollte unmittelbar nach Abnahme des Melkzeuges erfolgen. Der Strichkanal ist zu diesem Zeitpunkt noch geöffnet und das Dippmittel kann in den Strichkanal eindringen und dort Keime abtöten.
– Dippmittel immer frostfrei lagern und vor direkter Sonneneinstrahlung schützen.

Barrieredippmittel: Um die Haftung des Zitzendippmittels auf der Zitzenhaut zu erhöhen, wurden filmbildende Dippmittel entwickelt. Diese dickflüssigeren Barrieredippmittel sollen das Einwandern von Erregern aus der Umwelt in die Zitze zwischen den Melkzeiten verhindern. Sie bilden einen atmungsaktiven und langanhaftenden Film auf der Zitzenhaut und verschließen die Strichkanalöffnung durch einen Pfropfen. Diese Mittel müssen idealerweise antrocknen, bevor sich die Milchkuh hinlegt.
Es gibt Produkte, die nur auf der mechanischen Schutzbarriere beruhen. Diese enthalten nur geringe Konzentrationen der desinfizierenden Wirkstoffe (<1.500 ppm), die der Produktkonservierung dienen. Solche Dippmittel eignen sich nur für Betriebe, die frei von ansteckenden, euterassoziierten Erregern sind. Hingegen ist die Kombination von einer filmbildenden und einer desinfizierenden Wirkung sehr empfehlenswert bei Herden mit euter- und umweltassoziierten Erregern.

Bei Zitzenpflegemitteln steht, wie der Name schon sagt, die Pflege der Zitzenhaut im Vordergrund, nicht die Desinfektion. Pflegemittel enthalten einen sehr geringen Anteil am desinfizierenden Wirkstoff, der dazu dient, das Produkt haltbar zu machen. Wirkstoffe wie Glycerin und Propylenglycol (feuchtigkeitsspendend, pflegend), Lanolin, Allantoin (fettspendend, heilend) oder Glycerol sorgen dafür, dass die Zitzenhaut glatt und geschmeidig bleibt. Die Anwendung solcher Pflegedippmittel ist nur in tatsächlich eutergesunden Herden geeignet.

Biobetriebe

Der Einsatz von Euterhygiene- und Dippmitteln ist in der EU-Bio-Verordnung nicht geregelt. Allerdings müssen Biobetriebe, die Mitglied beim Bio-Verband sind (BIO AUSTRIA) oder an bestimmten Vermarktungsprojekten teilnehmen, geltende Verbandsrichtlinien berücksichtigen. Diese Betriebe dürfen nur die im Betriebsmittelkatalog (www.infoxgen.at) angeführten Mittel verwendet werden. In Betrieben mit hoher Infektionsrate und Zellzahlproblemen können bei Vorliegen einer schriftlichen Bestätigung durch den Tierarzt auch andere Zitzendesinfektionsmittel eingesetzt werden. Die Bestätigung muss einen Vermerk über betroffene Tiere, die Diagnose und die Behandlungsdauer enthalten. Allen übrigen Bio-Betrieben werden dennoch auch die Dippmittel vom Betriebsmittelkatalog empfohlen.

Sprühen oder Tauchen?

Hat man den Leitkeim mittels bakteriologischer Milchuntersuchung festgestellt, die Zitzenkondition beurteilt und für sein Haltungssystem den richtigen Wirkstoff herausgefunden, so bleibt die Frage, ob dieses Zitzendippmittel im Sprüh- oder im Tauchverfahren an die Zitzen gebracht werden soll.
Für Roboterbetriebe stellt sich diese Frage nicht, denn der Melkroboter kann Zitzendippmittel nur sprühen. Die automatischen Sprüheinrichtungen sind oftmals eine Schwachstelle. Verschmutzungen der Sprühdüsen und unvermeidbare Sprühschatten können zu einer unzureichenden Mittelbenetzung führen. Nur durch tägliche Prüfung und gegebenenfalls Reinigung dieser Einrichtung, kann die Quote der unzureichenden Mittelbenetzung relativ gering gehalten werden. 

Das Tauchverfahren mittels Dippbecher bietet Vorteile. Es können zähflüssige Barrieredippmittel verwendet werden, die in Desinfektion und Pflege den sprühfähigen Produkten überlegen sind. Eine Verschleppung von Erregern ist bei qualitativ hochwertigen Produkten nicht gegeben. Voraussetzung ist die Anwendung eines Dippbechers mit Rücklaufsperre (non-return), mit dem verhindert wird, dass die Lösung vom Oberteil in den Vorratsbehälter zurücklaufen kann. Stattdessen kommt durch Drücken auf den Behälter immer neues Mittel ins Oberteil. Natürlich sind diese Becher täglich zu säubern. Sprühschatten können beim Tauchverfahren nicht auftreten. Dabei braucht das Tauchverfahren kaum mehr Zeit als die Sprühvariante. Sprühen geht nur schneller, wenn kein Wert auf volle Benetzung gelegt wird.

Zulassung und Prüfung: Wirksamkeit absichern

Zulassung als Biozidprodukt: Biozidprodukte (z.B. deklarierte Zitzendesinfektionsmittel) unterliegen gemäß der Biozidprodukte-Verordnung einem Zulassungsverfahren, das eine behördliche Bewertung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Risiken für Mensch, Tier und Umwelt zur Grundlage hat. Ein Biozidprodukt kann national in einem EU-Mitgliedstaat zugelassen werden und im Verfahren der gegenseitigen Anerkennung in weiteren EU-Mitgliedstaaten zugelassen werden. Es gibt auch die Möglichkeit der Unionszulassung, die in der gesamten Europäischen Union gilt. Auf EU-Ebene ist die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) zuständig. Alle Biozidprodukte müssen vor dem Inverkehrbringen zugelassen werden und die in den Biozidprodukten enthaltenen Wirkstoffe müssen vorab auf Unionsebene genehmigt worden sein. Behördlich geprüfte Biozidprodukte weisen eine Zulassungsnummer auf.
Unter https://echa.europa.eu/de/information-on-chemicals/biocidal-products ist das europäische Biozidprodukte-Verzeichnis abrufbar.

Zulassung als Tierarzneimittel: Die höchste Sicherheit haben die als »frei verkäufliche Tierarzneimittel« deklarierten Dippmittel. Bei diesen Dippmitteln sind die Wirkstoffe komplett angeführt und auf ihre Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität getestet worden. Es muss die Zulassungsnummer angeführt sein.

DLG-Gütezeichen: Hinsichtlich der Sicherheit der Hautpflegewirkung bietet das DLG-Gütezeichen eine gute Orientierung. Euterhygienemittel mit DLG-Gütezeichen werden darauf geprüft, dass sie gute Hautpflegewirkung haben, keine Mastitiserreger weiterverbreiten, keine Hemmstoffe in der Milch verursachen und keine unerwünschten Stoffe enthalten. Es wird jedoch nicht die Desinfektionswirkung getestet. Derzeit sind unter http://www.guetezeichen.de/cgi-bin/gz_euter.cgi?sort=Firma#166 zugelassene Zitzentauchmittel und acht zusätzlich als Tierarzneimittel zugelassene Zitzentauchmittel gelistet.

ÖNORM DIN EN 1656: Diese Norm regelt das Prüfverfahren zur Bestimmung der bakteriziden Wirkung chemischer Desinfektionsmittel für den Veterinärbereich. Das beschriebene Verfahren soll der Bestimmung der Wirkstoffe unter den Bedingungen dienen, unter denen sie in der Praxis angewendet werden.

Was für die Praxis gilt

Sind keine Euterprobleme vorhanden und ist die Zitzenhaut geschmeidig, ist der Einsatz von Zitzendippmitteln unnötig. Spätestens bei Zellgehalten, die ständig über 150.000 liegen, ist der Einsatz anzuraten. Der Wirkstoff richtet sich nach den Mastitiserregern, der Zitzenkondition und der Einstreuart. Wenn möglich, sollten dickflüssige Mittel mit hoher Pflegewirkung im Tauchverfahren angewendet werden. Bei großen Problemen ist immer das »Umfeld«, wie Melktechnik, Stallhygiene und Fütterung zu prüfen. Zitzendippmittel können und sollen grobe Unzulänglichkeiten nicht ausgleichen, sondern die Gesundheitsmechanismen der Kuh unterstützen.

DI Romana Schneider,
Landwirtschaftskammer
Niederösterreich

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