Kälbergesundheit: Ein neues Leben

26. März 2021

Die Kälber von heute sind die Kühe von morgen. Dabei sind insbesondere die ersten Lebenswochen eines Kalbes entscheidend für die spätere Leistungsfähigkeit. Eine unumgängliche Investition in die Zukunft eines Betriebes!

Für gesunde Kälber ist eine gute Tierbeobachtung und genaue Dokumentation notwendig. Nur so können durch Auffälligkeiten am Tier Rückschlüsse auf das Management gezogen werden.Fotos: Imke Junge

Zahlreiche internationale und nationale Studien beweisen seit vielen Jahren, dass die ersten Lebenstage und die anschließende Aufzucht darüber entscheiden, wie erfolgreich das Kalb in seinem späteren Leben Milch produzieren wird. Beim Blick auf die Auswertungen der Betriebe wird aber immer wieder deutlich, dass gerade die Tierverluste in der Aufzuchtphase der Kälber bis zum sechsten Lebensmonat deutlich über den Grenzwerten liegen. Die gesamte Kälberaufzucht ist dabei so komplex, dass im Folgenden lediglich Ansätze für das tägliche Management in der Kälberaufzucht aufgezeigt werden sollen. Eine erfolgreiche Kälberaufzucht setzt sich zwar immer aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen, kann jedoch anhand einzelner Kennwerte eingeordnet werden. Die Zahl der Totgeburten sollte möglichst niedrig gehalten werden. Hier gilt als Zielwert weniger als 5 %. Neben einer niedrigen Totgeburtenrate sollen auch die Kälberverluste, also alle Tierverluste von Geburt bis zum sechsten Lebensmonat, im Idealfall unter 3 % liegen.

Kälberverluste senken

Des Weiteren führen niedrige Erkrankungsraten und hohe Tageszunahmen zu Beginn der Aufzucht zum gewünschten Erfolg. In der intensiven Aufzuchtphase der ersten sechs Lebensmonate soll die tägliche Körpermassezunahme bei über 800 g liegen.
Obwohl die angesprochenen Punkte schon seit mehreren Jahren bekannt sind, liegen die Kälberverluste inklusive Totgeburten in vielen Betrieben immer noch über 10 %. Auch in der letzten Auswertung der Spitzenbetriebe Milcherzeugung lag dieser Wert bei 9,1 % und damit viel zu hoch. Es ist eindeutig, dass der Jungtierbereich leider immer noch nicht so stark fokussiert wird, wie es den Kälbern eigentlich zukommen muss. Ein wichtiger Punkt zur Reduzierung von Kälberverlusten ist neben Haltung, Fütterung und Gesundheit das Management im Bereich des Geburtsverlaufs und der Kälberversorgung.

Geburtsmanagement im Blick

Mit einem gut durchdachten Geburtsmanagement können Schwer- und Totgeburten bei der Kälberaufzucht mit einfachen Hilfsmitteln reduziert werden. Bei der Bullenauswahl kann der Zuchtwert Kalbeverlauf mit in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Vor allem bei Färsen sollte viel Wert auf die Auswahl eines geeigneten Bullen in Bezug auf den Kalbeverlauf gelegt werden, da hier im Regelfall die meisten Probleme auftreten. Im Rahmen der Fütterung muss auf eine Verfettung von Trockenstehern und Färsen geachtet werden. Durch eine gründliche Anfütterung vor der Kalbung kann vielen Stoffwechselproblemen im Zeitraum um die Kalbung vorgebeugt werden. Eine ausgeglichene Fütterung mit angepasster Mineralstoffversorgung und entsprechenden Prophylaxemaßnahmen stellt die Grundlage für einen gesunden Stoffwechsel dar. Kühe, die im Zeitraum vor der Geburt bereits ausgeprägte Stoffwechselkrankheiten aufweisen, neigen zu verfrühten Totgeburten. Auch für die Trockensteher gilt, dass auf Kuhkomfort geachtet werden muss. Es ist sinnvoll, Kühe und Färsen im geburtsnahen Zeitraum getrennt aufzustallen, da es durch Rangkämpfe vermehrt zu Früh- oder Totgeburten kommen kann. Dazu gehört ebenfalls eine ruhige und stressfreie Umstallung in die Abkalbebox.

Regelmäßige Geburtsüberwachung

Zwar ist es gewünscht, dass die Tiere heute möglichst ohne Hilfe abkalben, gleichzeitig ist eine Geburtsüberwachung aber unumgänglich. Die zur Abkalbung anstehenden Tiere sollten alle zwei Stunden kontrolliert werden, um bei festgestellter Kalbung das Kontrollintervall zu verkürzen. Das heißt, ab dem Auftreten von deutlichen Geburtsanzeichen sollen die Tiere möglichst unauffällig in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden. Tagsüber sollte dann im Abstand von 15 bis 30 Minuten der Geburtsverlauf kontrolliert werden. Nachts gilt es mindestens alle drei bis vier Stunden nach den Tieren zu schauen. Es gibt bereits gut entwickelte und praxistaugliche Systeme auf dem Markt, die einem die Arbeit der Geburtskontrolle bis zum Eintritt der Geburt abnehmen können.
Es ist sinnvoll den Beginn, den Verlauf und das Ergebnis der Geburt zu dokumentieren. Auch bei Schichtwechsel weiß so jeder ganz genau, wann die Geburt begonnen hat. In großen Betrieben kann mit den Aufzeichnungen die Geburtsüberwachung durch den Herdenmanager oder den Tierarzt kon-trolliert werden. Diese Dokumentation kann an unterschiedlichen Stellen erfolgen. Stehen mehrere Tiere zur Abkalbung an, ist es sinnvoll direkt im Abkalbebereich eine Tafel aufzuhängen, auf der jeder Mitarbeiter seine Beobachtungen eintragen kann. Eine solche Aufzeichnung kann einfach gehalten sein und muss zusätzlich im Stallbüro geführt werden und für jeden Mitarbeiter zugänglich sein. Sollten in den ersten Tagen nach der Geburt Probleme mit Kuh oder Kalb auftreten, kann jeder Mitarbeiter direkt nachgucken, ob es bereits während der Geburt zu Komplikationen gekommen ist.

Ein gut strukturierter Abkalbebereich ist der Grundstein für ein gutes Management rund um die Geburt. Hierbei sollte einiges beachtet werden.

»Geburtsurkunde für Kälber«

In einem kürzlich erschienen Artikel im Journal of Dairy Science wird dargestellt, welche Daten bei einer Kälbergeburt gesammelt werden sollten. Neben der Dokumentation des Geburtsverlaufs legen die Wissenschaftler Wert darauf, noch weitere tierbezogene Daten zu erheben. Daraus ist das Konzept einer »Geburtsurkunde« entstanden. Neben dem Geburtsdatum und der Muttertieridentifikation wird empfohlen, Angaben zu Geburtsverlauf, Geburtsgewicht, zur Kolostrumversorgung und Futteraufnahme in den ersten Lebenstagen festzuhalten. Diese zusätzlichen Angaben können helfen, das Risiko von Erkrankungen oder Todesfällen besser einzuschätzen.

Kälberverluste immer dokumentieren

Grundsätzlich gilt, dass Kälberverluste immer in Bezug auf Todesursache und Todesdatum aufgezeichnet werden sollten. Das hilft dabei zu bestimmen, ob durch Managementveränderungen Todesfälle minimiert werden können.
Der Begriff Totgeburt, der definiert ist als tot geborenes Kalb, wird in der Praxis für Verluste innerhalb 48 Stunden nach der Geburt genutzt. Wenn Todesfälle besser definiert werden, können auch daraus Verbesserungen für das Geburts- und Kälbermanagement abgeleitet werden. Eine mögliche Einteilung in Verlustgründe könnte folgendermaßen aussehen:

👉 Fehlbildungen
👉 Totgeburt als Folge einer normalen Geburt ohne Hilfe
👉 Perinataler Verlust
👉 Totgeburt nach Geburt mit Geburtshilfe
👉 Kalbeprobleme
👉 Septikämie
👉 Atemweg und Durchfall
👉 Durchfall, Verdauungsprobleme
👉 Atemwege
👉 Gelenk oder Nabel
👉 Lahmheit oder Verletzung
👉 Unfall
👉 Andere bekannte / unbekannte Gründe

Die Kälberkarte

Nur wer sich intensiv mit den Gründen für Verluste auseinandersetzt, kann Verbesserungen treffen, um die Verluste zu reduzieren. Eine vergleichbare Form zur Geburtsurkunde stellt die DLG in ihrem Merkblatt 375 vor, siehe dazu die Abbildung. Dabei ist die Karte am Einzeliglu angebracht und so gestaltet, dass mit einem Blick alle das Tier betreffenden Informationen schnell und sicher erfasst werden können. Gerade in größeren Beständen kann ein solches System sinnvoll sein, um jeden Mitarbeiter schnell auf den gleichen Informationsstand zu bringen.

Imke Junge

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