Sehnenverkürzungen bei Kälbern

27. Januar 2022

Was kann man vorbeugend gegen Sehnenverkürzungen bei Kälbern tun? Dr. Ingrid Lorenz vom Tiergesundheitsdienst Bayern e.V. gibt Rat.

Fußen die Kälber ständig auf dem Fesselkopf oder dem vorderen Knie herum, kommt es schnell zu Druckstellen und Entzündungen. Fotos: TGD

Die Sehnenverkürzung, auch Sehnenstelzfuß genannt, ist ein Leiden, das bei Kälbern weltweit vorkommt. In der Regel tritt das Problem bei neugeborenen Kälbern auf, in seltenen Fällen kann es aber auch als Folge von anderen Erkrankungen (z.B. Gelenksentzündungen, Knochenbrüche) bei älteren Kälbern beobachtet werden. Die angeborene Sehnenverkürzung ist charakterisiert durch eine von Geburt an bestehende, meist beidseitige Beugehaltung des Fessel- und/oder des Vorderfußwurzelgelenks (»vorderes Knie«). Seltener können auch die Hintergliedmaßen betroffen sein. Die Kälber sind sonst in der Regel normal entwickelt und das Allgemeinbefinden ist ungestört.

Erbliche Komponente nicht ausgeschlossen

Die Ursache des Leidens ist unklar, was bedeutet, dass vorbeugende Maßnahmen kaum zu benennen sind. Die einzige Empfehlung ist, dass betroffene Tiere, auch wenn die Veränderung ausheilt, nicht zur Zucht verwendet werden sollten, da eine erbliche Komponente nicht ausgeschlossen ist. Beengte Platzverhältnisse in der Gebärmutter werden auch als Ursache diskutiert. Hierfür spricht, dass männliche (schwere) Kälber und Zwillinge sowie Kälber in Hinterendlage häufiger betroffen sind. Auch werden bei betroffenen Tieren Veränderungen im Rückenmark beobachtet, diese sind allerdings vermutlich eher eine Folge der Gliedmaßenfehlstellung als deren Ursache.

Die Erkrankung tritt in unterschiedlicher Ausprägung auf, die in drei Grade eingeteilt wird. Danach richten sich Therapie und Prognose. In leichten Fällen (Grad 1) zeigt sich eine geringfügige Beugehaltung des Vorderknies und/ oder eine Steilstellung der Zehe. Die Kälber fußen nur auf den Klauenspitzen, sie können aber noch stehen, ohne nach vorne umzuknicken. Diese Veränderung »verwächst« sich in der Regel von selbst innerhalb der ersten Lebenswochen.

Bei Grad 2 der Erkrankung lassen sich die Gliedmaßen zwar passiv noch fast vollständig strecken, die Kälber können aber nicht mehr selbstständig auf den Klauen stehen, sondern knicken ein und fußen auf dem Fesselkopf oder auf dem vorderen Knie. Hier kann es bei ungenügend weicher Aufstallung schnell zu Druckstellen und schlimmstenfalls zu Gelenksentzündungen kommen. Zur Therapie kann die Klauensohle mittels Aufkleben eines Holzbrettchens nach vorne verlängert und dadurch eine Streckung der Gliedmaßen gefördert werden. Die Brettchen stehen vorne ca. 3 bis 4 cm über die Klauenspitzen hinaus, sodass die Kälber durch die Hebelwirkung stehen können ohne einzuknicken. Auch eine Behandlung mittels Streckverband kann zum Erfolg führen, ist allerdings aufwendiger. Insbesondere muss auf eine gute Polsterung der Verbände geachtet werden, um Druckstellen zu vermeiden.

Wenn gar nichts mehr hilft

Kann das betroffene Tier nur noch auf den Fesselköpfen oder den Vorderkniegelenken Gewicht aufnehmen und lassen sich die Gliedmaßen auch passiv (in Narkose) nicht mehr vollständig strecken, so liegt ein Grad 3 der Erkrankung vor. In diesen schweren Fällen kann mittels operativer Durchtrennung der verkürzten Sehnen versucht werden, eine Streckung der Gliedmaßen zu erreichen. Ist es nach der Operation möglich, die Gliedmaßen weitgehend zu strecken, muss die Therapie im Anschluss über Stützverbände für einige Wochen fortgeführt werden. In allen schwereren Fällen ist die Aussicht für eine erfolgreiche Therapie sehr schlecht, sodass eine Euthanasie des Kalbes erwogen werden sollte.

Über die Autorin

Dr. Ingrid Lorenz ist Fachabteilungsleiterin Rindergesundheitsdienst beim TGD Bayern e.V. Zu ihren Spezialgebieten gehören die Kälberaufzucht, Klauengesundheit, Stoffwechselerkrankungen, Parasitosen und Infektionskrankheiten.
Kontakt: ingrid.lorenz@tgd-bayern.de

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