Der perfekte Standort

9. November 2021

Die Standorteignung einer Maissorte ist von fundamentaler Bedeutung für die umfassende Produktsicherheit und Nachhaltigkeit im effizienten, umweltgerechten und nachhaltigen Maisanbau, auch in Anbetracht der drastischen Auswirkungen des Klimawandels.

Besonders im Zeitraum vor der Ernte sollten Maispflanzen (inkl. Korn) genau beobachtet werden, um festzustellen, wie sich Umwelt- und Produktionsfaktoren auf die Photosyntheseleistung der Maisbestände (alle Nutzungsrichtungen) auswirkt.
Im Fokus des Reifeverlaufes der Maisbestände und gleichzeitig notwendigen Kontrolle dieser Reifedynamik stehen die umweltabhängige Produktivität der Mais-(Rest)pflanze in ihrem Vitalbereich (TM-Gehalt von 23 % und weniger) und die sich in der Folge entwickelnde physiologische Kornreife (63 % TM-Gehalt und darüber hinaus).

TM-Gehalt der Gesamtpflanze

Die derzeitige Klassifikation der Reife von Mais nach den nutzungsspezifischen Reifezahlen für Silo- oder Körnermais, nach phänologischen Reifephasen (z. B. Teigreife bzw. Milkline der Körner)  basierend auf dem TM-Gehalt der Gesamtpflanze oder Körner bzw. die Bonitur des Abreifegrades der Blätter bei Silonutzung von Mais, hat in Anbetracht des dominanten Einflusses der Umwelten und der meist fehlenden, zielorientierten Führung des Maisbestandes nur eine geringe Relevanz. Der Reifegrad des Maisbestandes wird durch dessen Gesundheit, die standortbedingte Abreife der Restpflanze und nur halb so stark durch die Kornreife beeinflusst. Daher ist ein fortschreitender Reifegrad (TM-Gehalt) von Mais außerordentlich kritisch zu bewerten:

  • Das Ergebnis der Messung des TM-Gehaltes der Gesamtpflanze streut logischerweise stärker als bei dem der Restpflanze oder beim Korn, da letzere homogener strukturiert sind.
  • Der Reifegrad von Siliermais kann nichtsagend, irreführend, kontraproduktiv und ökonomisch sowie ökologisch umstritten sein, da er den Reifezustand eines variablen Gemisches von unterschiedlich generativen und vegetativen Pflanzenteilen und ihrer spezifischen Gewichte darstellt.
  • Die derzeitige Sorteneinstufung ist dahingehend kontraproduktiv, indem die produktivsten, umweltstabilsten Sorten für alle Nutzungen als spätreifender eingestuft

werden und dadurch ungerechterweise im geringeren Umfang zum Anbau kommen. Eine robuste Sorte vom ursprünglich synchron abreifenden Typ kann, durch ihre phänotypische Stabilität bedingt, einer stay green Maispflanze zur Ernte entsprechen.

  • Wegen der Gegenläufigkeit der Entwicklung des Reifegrades zu der der Qualitäts- und Ertragsparameter sowie dessen stärkere Streuung, ist eine zielorientierte Bestandesführung im Maisanbau nicht möglich. Aus diesen Gründen ist ein zweiter Indikator, wie die Kornreife oder der Stärkegehalt, notwendig.
  • Selbst, wenn der Reifegrad im optimalen Bereich sich befindet, muss die Sorte nicht umwelt- und reifestabil sein, was aber unbestritten für einen effizienten und zugleich nachhaltigen Maisanbau notwendig ist, um die Sorten- und Resistenzleistung zu reproduzieren.
  • Des Weiteren ist die offiziell empfohlene weite optimale Reifespanne von 30 bis 35 % TM der Gesamtpflanze mit hohen finanziellen Verlusten von 150 Euro je Hektar und mehr verbunden. Diese tolerante, verlustreiche Empfehlung ist schwer zu akzeptieren.
  • Selbst bei optimalem TM-Gehalt der Gesamtpflanze kann, in Abhängigkeit von den Anbaubedingungen einzelner Regionen (Gunst- zu Grenzlagen des Maisanbaues), ein finanzieller Unterschied, gemessen am Milchgeld, von über 1000 € je Hektar auftreten.
  • Bei Erzielung bestmöglicher Qualitäten und maximaler Erträge befindet sich in allen Fällen der Reifegrad außerhalb des empfohlenen Reifebereiches (Tab.1). Zum Beispiel wird der maximale Nettoenergieertrag erst bei einem TM-Gehalt in der Gesamtpflanze von 37,4 % erreicht. Der Anbauer steht deshalb vor der Entscheidung, entweder den Reifebereich zu überschreiten oder auf maximale Ergebnisse zu verzichten. Der Nettoenergieertrag ist Ausdruck von Qualität und Quantität gleichermaßen.
  • In der Folge sind die Qualitäten und Erträge der Maisbestände, die nach der nutzungsspezifischen Klassifikation geführt werden, denen nach dem DRA-System regulierten, weit unterlegen. Der Nettoenergieertrag liegt zum Beispiel beim DRA-System um 3,5 GJ je Hektar höher. Der Mehrgewinn beträgt 210 Euro je Hektar bereits bei einer Herdenleistung von 8000 kg/Kuh und einem Milchpreis von 0,30 €/kg.
  • Konkrete Informationen zur Pflanzengesundheit, zum reifespezifischen Sortentyp, Ernteablauf, zur Produktivität und zum Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz kann der Reifegrad im Vergleich zum Silomais-Reifeindex (SRI) nicht geben.

 

 

Silomais-Reifeindex

Der Silomais-Reifeindex (SRI) als Indikator des DRA-Systems hingegen ist ein Sinnbild für die Reifedynamik und das Reifeverhältnis von generativer (Kornreife, % TM) zu vegetativer Pflanzenfraktion. Er spiegelt die umweltabhängige Produktivität der Restpflanze im Maisanbau aller Nutzungsrichtungen, auch für Körnermais, exakt wider und kann deren Wirkung quantifizieren (Tab. 2). Das Reifeverhältnis (SRI) ist ausnahmslos für den gesamten Mais aussagekräftig, der in Silos anaerob (Siliermais für Futterzwecke, Biogas oder Verstromung) bzw.  aerob (Körnermais) lagert (Abb. 1). Der SRI ist als Reife,- Stress- und Selektionsindikator auch im Zuge des Klimawandels, zum Beispiel für die Bewertung der Trockentoleranz der Sorten, unverzichtbar.

Das DRA-System betrachtet systembiologisch und voll umfänglich

  • die verschiedenen Reifesysteme von der Aussaat bis zur Ernte, geringfügigen reifespezifischen Unterschiede zwischen den Nutzungsrichtungen (Gas, Mast, Korn und Milch), den richtigen, optimalen bzw. agroökoeffizienten Referenzerntezeitpunkt (Abb. 2),
  • die Eigendynamik der Parameter von Reife, Ernte und Sortenwahl sowie die Erntefolge der Maisschläge, Konservierung, Fütterung, Energie- und Körnergewinnung.
  • den reifespezifischen Sortentyp, die Umweltstabilität, Risikobewertung langfristiger Umwelteinflüsse, Standorteignung der Sorten, Reproduzierbarkeit der Sorten- und Resistenzleistung,
  • diätetischen Eigenschaften in der Fütterung (höhere Schmackhaftigkeit, bessere Pflanzengesundheit, wie den Gehalt an Carotin und Mykotoxinen, sowie Strukturwirksamkeit), Aufnahme maximaler Mengen an absolutem Grundfutter, höchst mögliche Milchproduktion bei geringerer Stoffwechselbelastung der Tiere und maximale Biogasproduktion sowie
  • standortgerechte Sortenwahl mit dem Ziel, das Maissortiment nach Aspekten der Anbaueignung und -würdigkeit sowie des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes auf das betriebswirtschaftlich Notwendige zu reduzieren.

 

 

Standorteignung

Auf der Grundlage der Daten von Sortenprüfungen und Futterattesten kann auch indirekt der Silomais-Reifeindex (SRI) als Filter für die Ermittlung der Standorteignung einer Maissorte gesetzt werden. Dazu sind die TM- und Stärkegehalte in die online-Tabelle (G-S-Methode) einzutragen. Um  den  unterschiedlichen umweltbedingten Einfluss der Jahre und Standorte angemessen zu berücksichtigen, sollte dabei mindestens auf die zwei umweltstabilsten Verrechnungssorten mit dem höchsten Silomais-Reifeindex Bezug genommen werden. Die dritte Verrechnungssorte sollte im kommenden Jahr durch eine neue reifestabilere Sorte ersetzt werden, wenn sie stark von den anderen beiden abweicht. Auf diese Weise kann der Filter, abweichend vom SRI = 2,6; den örtlichen Umständen angemessen, streng gesetzt werden. Nachdem die reifestabilsten Sorten ermittelt wurden, kann je nach Nutzungsrichtungen mit weiteren wichtigen Merkmalen gesichtet werden. Über wichtige Sortenmerkmale entscheidet letztlich der Anbauer nach Gebrauchswert selbst:

  • Das sind für die Mast zum Beispiel der Stärke- und Energiegehalt.
  • Für die Milchproduktion sind der Energiegehalt und die Zellwandverdaulichkeit in Abhängigkeit vom Laktationsstadium und Leistungspotential von besonderem Interesse.
  • Bei der Biogasproduktion spielen der Ertrag und die spezifische Gasausbeute eine entscheidende Rolle. Im ökophysiologisch suboptimalen Reifebereich (SRI < 2,6) ist die gärbiologische Methanbildung vergleichsweise empfindlicher als die Milchproduktion.
  • Standfester Körnermais, der durch den SRI-Filter gekommen ist, sollte dann ein hohes Kornpotenzial bei guter Druschfähigkeit und geringer Kornfeuchte aufweisen.

Fazit

Die Formulierung dieser umfassenden Aufgaben und Ziele hat grundlegende Bedeutung für einen effizienten, umweltgerechten und zugleich nachhaltigen Maisanbau von der Sortenwahl bis zur Ernte sowie der verschiedenen Nutzungen mittels Silomais-Reifeindex (Abb. 3):

  • Im Dynamischen Reife- und Analyse (DRA)-System richten sich alle Maßnahmen auf die Identität von Genotyp zur Aussaat (vom Züchter deklarierte Eigenschaften der Maissorte) und Phänotyp zur Ernte (vom Anbauer standörtlich nutzbare Ertrags- und Resistenzleistungen der Maissorte) als entscheidende Basis der standortgerechten Sortenwahl.
  • Der Silomais-Reifeindex übertrifft in jeder Hinsicht die Kompetenz des TM-Gehaltes von Korn bzw. Gesamtpflanze als Reifeindikator und ermöglicht darüberhinaus als Stressindikator eine Phänotypisierung im gesamten Maisanbau in allen Anbaujahren.
  • Die ökophysiologisch optimale Maisreife ist unmittelbares Zeugnis der Standorteignung einer Maissorte und dadurch Garant für die Produktsicherheit im Maisanbau aller Nutzungsrichtungen.
  • Das Hauptziel im Maisanbau besteht im dauerhaften Erreichen des Referenzreifepunktes (SRI von 2,8) durch eine hohe ökologische Stabilität der für den jeweiligen Standort anzubauenden Maissorte unter dem speziellen Aspekt der Produktsicherheit, des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes sowie eine maximale Wertschöpfung in der Produktion von Milch, Mast, Methangas sowie Körnermais.
  • Dies ist ein ständig vom Anbauer zu leistender acker- und pflanzenbaulicher Beitrag zur zielorientierten Bestandesführung und standortgerechteren Sortenwahl sowie bedeutender Schritt zur höheren Akzeptanz des Maisanbaus in der Gesellschaft.

Mit den drei online zur Verfügung stehenden Reifetabellen kann bei den derzeitigen Anbaurichtlinien der Silomais-Reifeindex (SRI) durch den Anbauer mit geringem Aufwand direkt bzw. indirekt ermittelt werden. Die standortgeeignetsten Maissorten sind, in Verbindung mit weiteren spezifischen Eigenschaften (u.a. Zellwandverdaulichkeit oder Methangasausbeute), für den zukünftigen Anbau zu favorisieren.

Dr. Reinhard Amler, Agrarwissenschaftler und Berater

 

 

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