Welches Weidesystem passt?
Weidesysteme regulieren die Nutzung von Grünland durch Weidetiere, um Futterertrag, Tiergesundheit und Biodiversität zu optimieren. Die Wahl des passendes Systems hängt mitunter von Intensität, Tierart, Fläche und Klima ab.
Bei der betrieblichen Überlegung, welche Tiere wie oft und wie lange auf welche Weidefläche kommen, stößt man rasch auf die beiden Begriffe Weidestrategie und Weidesystem. Die benötigte Weidefläche unterscheidet sich je nach Weidestrategie. Sie beschreibt den Anteil des Weidefutters an der Gesamtration, also die Stunden, in denen sich die Tiere auf der Weide befinden. Im Frühling und insbesondere im Herbst, aber auch bei ungünstiger Bodenbeschaffenheit und Witterung, braucht es mehr Fläche und/oder einen höheren Ergänzungsfutterbedarf. Grobe Richtwerte zum Weideflächenbedarf von Rindern für einen wüchsigen Standort sind in Tabelle 1 angeführt.
Bewegungsweide
Bei Bewegungsweidehaltung ist die Weidefutteraufnahme von untergeordneter Rolle. In diesem Fall werden die Tiere im Laufstall mit Auslauf bedarfsgerecht gefüttert, die Weidestunden pro Tag werden – zur Verhinderung eines Überbesatzes – bewusst verringert. Es können aber auch die Weidetage pro Fläche in der gesamten Weideperiode begrenzt werden, vorausgesetzt man hat eine Ausweichfläche. Auf stark bestoßenen Flächen erfolgt jedenfalls keine Zusatzdüngung und es braucht einen sehr dichten Pflanzenbestand mit Arten, die einen intensiven Tritt und Verbiss aushalten (z. B. Untergräser, Breitwegerich, Brunelle, Löwenzahn, etc.). Tränke- und Eintriebs-Bereiche sowie Triebwege sind möglichst stabil aufzubauen.
Nach Möglichkeit sollte in der Weideperiode zumindest einmal eine Weideruhe mit Zwischennutzung angestrebt werden. Es braucht dann jedoch eine entsprechend große Ausweichfläche und die beweidete Fläche ist zu Beginn der Weideruhe abzuschleppen. Im Frühling und insbesondere im Herbst, aber auch bei ungünstiger Bodenbeschaffenheit und Witterung, braucht es mehr Fläche.
Stunden- bzw. Halbtagsweide
Die Stunden- oder Halbtagsweide wird üblicherweise gewählt bei begrenzter Weidefläche, in Regionen mit hoher Hitze- oder Fliegenbelastung, bei erhöhtem Beobachtungsbedarf, wenn gezielte Ergänzungsfütterung und/oder hohe Einzeltierleistungen angestrebt werden. Von Stundenweide spricht man bei einer Weidedauer von 2 – 6 h/Tag, in der Halbtagsweidehaltung sind die Tiere 7 – 10 h untertags oder in der Nacht auf der Weide. Bei Halbtagsweide nehmen Milchkühe etwa 8 – 10 kg Weidefutter (Trockenmasse) auf und bei Stundenweide etwa 1 (- 2) kg je Weidestunde.
Da Rinder bei Dunkelheit weniger grasen, sollten die Rinder bei Nachtweidehaltung am Abend nicht zu spät auf die Weide kommen und am Morgen nicht zu früh eingestallt werden. Bei Stundenweidehaltung sollten die Rinder vor allem zum Fressen und nicht zum Liegen auf der Weide sein! Damit fällt auch der größte Teil Kot und Harn im Stall an und die Hitze- und Fliegenbelastung der Tiere ist gering. Da Rinder in den frühen Morgen- und frühen Abendstunden die Hauptfress-aktivität zeigen, sollten z. B. Milchkühe morgens rasch nach dem Melken für zumindest 2 – 3 h zum Grasen auf die Weide kommen. Bei Dunkelheit, aber auch von 11:00 – 15:00 Uhr, wird bei üblicher Weidehaltung wenig gegrast.
Ganztagsweide
Die größte Weidefläche pro Tier wird bei der Ganztagsweide benötigt. Hier kommen Milchkühe nur zur Melkzeit in den Stall. Hofferne Flächen werden bei dieser Weidestrategie oft von Aufzucht- oder Masttieren, Mutterkühen oder trockenstehenden Kühen beweidet. Die Vollweidehaltung ist eine besondere Form der Ganztagsweide. Vollweidebetriebe streben eine möglichst kostengünstige Produktion und einen hohen Weidefutteranteil an der Jahresration an. Bei diesen Betrieben ist Ganztagsweidehaltung bei geringer oder ganz ohne Ergänzungsfütterung und saisonaler Abkalbung (Winter bzw. Frühling) üblich.
Weiden mit System
Bei der Wahl des Weidesystems ist wichtig, dass dieses den Grasbestand möglichst optimal für die Milch- und Fleischerzeugung ausnutzt sowie zu einem stabilen Pflanzenbestand führt – und das bei gleichbleibender Futtermenge und Qualität.
Kurzrasenweide
Die Kurzrasenweide ist eine intensive Standweide, die Weidefläche ist dabei praktisch über die gesamte Weidesaison besetzt. Eine etwaige Ruhezeit dauert nie länger als etwa eine Woche. Es muss so viel nachwachsen, wie die Tiere täglich fressen. Die mittlere Aufwuchshöhe sollte bei 6 – 7 cm liegen, Flächengröße und Tierbesatz müssen der Weidesaison angepasst (ggf. die Fläche vergrößert) werden. Die Kurzrasenweide ist eine für den Pflanzenbestand intensive Form der Beweidung und hauptsächlich für Gunstlagen geeignet. Die Tiere sind sehr ruhig, Blährisiko und Arbeitsaufwand sind gering.
Bei Trockenheit reagiert die Kurzrasenweide allerdings rascher mit einem Wachstumsrückgang, da das sehr dichte Wurzelsystem weniger tief in den Boden hinunter reicht und der Pflanzenbestand kürzer ist. Unsere Erfahrungen zeigen, dass eine gewisse Koppelung (z. B. vier bis sieben Koppeln) die Leistung stabiler hält. Die Tiere kommen bei etwa 7 – 8 cm Aufwuchshöhe zurück in die Koppel und weiden diese auf 4 – 5 cm ab. Wichtig ist, dass der Pflanzenbestand bei der Rückkehr nicht zu hoch ist, denn dann können durch das hastigere Fressen der »Kurzrasen-Tiere« am ersten Tag Durchfälle auftreten und auch das Blährisiko kann steigen. Gedüngt wird – wenn möglich – im Herbst mit Rottemist, mit einer geringen Menge an sehr gut verdünnter Gülle (10 – 15 m³/ha) vor Weidebeginn und nach Möglichkeit einmal in der Weidesaison in einer Regenperiode.
Koppelweide
Betriebe in hügeligen Regionen oder mit größeren Milchviehherden setzen oft auf Koppeln, weil die Weide besser gesteuert werden kann und auch der Eintrieb weniger Zeit kostet. Koppelbetriebe unterteilen die Weideflächen. Jede Koppel wird nacheinander von den Tieren während einer kurzen Besatzzeit von jeweils drei bis sieben Tagen beweidet. Die tief abgeweideten Koppeln (Restaufwuchshöhe 4 – 5 cm) werden nach einer konsequenten Ruhephase erst wieder bei einer Aufwuchshöhe von 10 bis max. 20 cm neuerlich bestoßen. Die Weideruhe dauert in der Hauptwachstumsphase drei und im Herbst bis zu acht Wochen. Es werden daher unterschiedliche Koppelanzahlen im Jahresverlauf benötigt (Tab. 2).

Blährisiko sowie Arbeits- und Materialaufwand sind beim Koppelsystem höher, dafür ist dieses System gut steuerbar, der Ertrag sicherer und Trockenphasen können etwas besser überbrückt werden. Im Frühling wird ein gleitender Übergang von Kurzrasen- auf Koppelweide empfohlen. Oft kombinieren Betriebe das Koppel- mit dem Portionsweidesystem und ziehen flexible Zwischenzäune ein.
Portionsweide
Bei der Portionsweide wird den Tieren ein- bis zweimal täglich ein neuer Weidestreifen zugeteilt. Beim Bestoßen ist der Pflanzenbestand nicht höher als 15 – 25 cm. Wichtig ist, dass abgeweidete Streifen nach spätestens vier bis sieben Tagen abgezäunt (Ruhephase!) werden. Sonst fressen die Rinder den Neuaustrieb, wodurch der Pflanzenbestand massiv leidet. Bei Regenperioden oder ungünstigen Boden- und Pflanzenverhältnissen (im Herbst oder auf Schnittwiesen) sollte auf Portionsweiden aufgrund der Trittschäden verzichtet werden.
Extensive Standweide
Die extensive Standweide wird bei entsprechend großem Flächenangebot bei Mutterkühen oder extensiver Rindermast angewandt. Die Weidefläche wird in der Vegetation durchgehend oder über lange Perioden beweidet und ist in keine bis maximal drei Koppeln unterteilt. Der Aufwand im Weidemanagement ist gering. Nach Möglichkeit ist zumindest einmal jährlich ein Reinigungsschnitt anzustreben, Koppelung und Rotation (z. B. alle fünf bis sieben Tage; und dann vier bis sechs Koppeln) wären günstig.
Bei extensiven Standweiden muss mit größeren Futterresten, uneinheitlicher Entwicklung des Pflanzenbestandes, einem jahreszeitlich unregelmäßigeren Futterangebot und damit verbunden schwankenden oder eingeschränkten tierischen Leistungen gerechnet werden. Dafür können diese Flächen hinsichtlich Biodiversität wertvoller zusammengesetzt sein.
Mob-Grazing
Bei Mob-Grazing nimmt man riesige umherziehende Wildtierherden, vorwiegend in Trockenregionen, als Vorbild. Die Weiden werden erst bei hoher Wuchshöhe mit kurzfristig sehr hohem Tierbesatz und nur für einige Stunden sehr intensiv genutzt. Zumindest zweimal täglich wird ein kleiner Futterstreifen zugezäunt. Wichtig ist hier, dass abgeweidete Flächen wieder spätestens nach vier Tagen ausgezäunt werden. Hinsichtlich Pflanzenarten setzt man bei diesem Verfahren auch vermehrt auf Tiefwurzler. Diese Pflanzenarten benötigen unbedingt eine längere Weideruhe. Betriebe in Ackerbaugebieten beweiden mit diesem System oft auch leguminosenbetonte Fruchtfolgeflächen mit extensiv geführten Rinderherden.
Dr. Walter Starz und Dr. Andreas Steinwidder,
Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein

