LBM-Erzeugerberatertagung – Rekordbesuch bei 47. Auflage

13. Januar 2023

Die 47. Auflage der Erzeugerberatertagung des Landesverbandes Bayerischer und Sächsischer Molkereifachleute und Milchwirtschaftler e.V. fand am 16. und 17. November 2022 in Herrsching am Ammersee statt. Der Einladung des neuen Geschäftsführers Simon Gutensohn, war eine Rekordteilnehmerzahl von Interessenten gefolgt: 140 Erzeugerberater, Vertreter aus Politik, Verbänden, Unternehmen und der Zulieferindustrie waren in Herrsching präsent, weitere 21 Teilnehmer verfolgten die Hybridveranstaltung im Netz. Durchweg zufriedene Teilnehmer verließen am 17. November das Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching. Das angebotene Programm und die Referenten hatten die Erwartungen erfüllt.

Nach seiner Begrüßung bat Simon Gutensohn die Bayerische Milchprinzessin Philomena Mögele um ein kurzes Grußwort. Die Hoheit fasste die Herausforderungen der Milcherzeuger und deren Erwartung an die Milchverarbeiter kompakt zusammen und sah in der gemeinsamen Herangehensweise an die Lösung der gestellten Aufgaben eine Notwendigkeit. Nach den kurzen Ausführungen von Philomena Mögele ehrte Gutensohn Christine Röhrl und Michael Heimler für 20 Jahre Mitgliedschaft im LBM.

Aktuelle EU-Gesetzgebungsverfahren und Landwirtschaft

Alfred Enderle, Geschäftsführender Vorstand MPR und Moderator des ersten Blocks, begrüßte als erste Referentin die Europaabgeordnete Ulrike Müller. Müller hatte das Thema „Aktuelle EU-Gesetzgebungsverfahren und Landwirtschaft“. Nach einem ausführlichen Eröffnungsstatement beleuchtete sie die Punkte, Fit for 55, Umwelt und Klimagesetzgebung, farm-to-fork und abschließend das Arbeitsprogramm der Kommission für 2023.
Fit for 55 beinhaltet die Erneuerbare-Energien-Richtlinie und die Verordnung über einen CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM). Die Zentraleninhalte sind: eine Anhebung des Ziels für 2030 von 32% auf mindestens 40%, eine Überarbeitung der Nachhaltigkeitskriterien für Biomasse und eine Verschärfung der Einschränkungen für „konventionelle“ Biokraftstoffe. Beim CBAM sollen Wettbewerbsnachteile der europäischen Produzenten durch mit dem Klimaschutz verbundene Mehrkosten ausgeglichen werden.  In diesem Zusammenhang erläuterte Müller auch die Verordnung über die nachhaltige Verwendung von Pestiziden, SUR. Zentrale Inhalte sind dabei der Wechsel von einer Richtlinie hin zur Verordnung. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) soll bis 2030 um 50 % reduziert , in Pro-Natura-Gebieten sogar komplett verboten, werden. Zudem soll es eine elektronische Aufzeichnungspflicht geben. Um die Resilienz der Biodiversität zu stärken und zu verbessern, sollen Ökosystemen restauriert werden. 

Eine weitere Richtlinie dient der Kontrolle und Prävention von Industrieemissionen. Zentrale Inhalte sind die Absenkung der Schwelle für die Anwendung auf Geflügel- und Schweinehaltung auf 150 „livestock units“, und die Ausweitung ebendieser auf die Rinderhaltung.  Das Null-Schadstoff-Paket befasst sich mit einer Aktualisierung der Monitoring-Liste für Schadstoffe in Oberflächengewässern und Grundwasser, mit der Komunalabwasserrichtlinie und der Umgebungsluft-Qualitätsrichtlinie.  Ein ausstehender Gesetzesvorschlag ist die Verpackungsrichtlinie. Mit Bezug auf farm-to-fork berichtete Müller über angekündigte legislative Initiativen mit Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Dabei streifte sie die Verordnung über ein Datennetz für die Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe, die Verordnung über Futtermittelzusätze und die Zertifizierung von CO2-Einspeicherung.  Mit der Übersicht des Arbeitsprogramms der Kommission für 2023 schloss Müller ihren Vortrag ab.

Aktuelles über die Haltungsform-Zertifizierung

Marie Janson informierte die Teilnehmer über aktuelle Entwicklungen im Bereich Haltungsform-Zertifizierungen in Milchviehbetrieben. Sie stellte die Frage: „Haltungsform – Was hat es damit auf sich?“ Anschließend beleuchtete sie Endverbrauchersiegel, versuchte eine Bewertung bestehender Label und beschrieb die Haltungsform-Stufen 1 bis 4. Janson stellte die QM-Milch Zusatzmodule Antibiotikamonitoring und Schlachtbefunddaten-Erfassung vor. Im Anschluss berichtete sie über Voraussetzungen und Monitorings für das Tierschutzlabel und gab einen Ausblick, was sie von den zukünftigen Monitorings erwartet.
Die Referentin beschrieb dann noch das DLG-Tierwohl-Label, das ein jährliches Audit bei dem 36 Kriterien in fünf Kategorien geprüft werden, wovon einige als K.o.-Kriterien definiert sind. Die Einstufung in vier Stufen von Basis bis Gold erfolgt nach Erfüllungsgrad, dabei sind die Punkte teilweise substituierbar. In ihrer Zusammenfassung nennt Janson das Thema Haltungsform ein spannendes und dynamisches Thema, bei dem die Infrastruktur noch nicht steht und Bündlerpflichten bei Monitorings und ein verpflichtendes AB-Monitoring noch zu klären sind. Ihr Abschlussbild trifft die Ist-Situation, eine aufgeschreckt dreinblickende Kuh, der fünf Fragezeichen aus dem Kopf fliegen.

Ukraine: Erzeugung, Transport, Aufbau und Chancen

Nach dem gemeinsamen Mittagessen eröffnete Dr. Olga Trofimtseva den Nachmittag mit dem Referat „Das Land Ukraine: Erzeugung, Transport, Aufbauphase und Chancen für Molkereien.“ Dr. Trofimtseva sprach über globale Risiken und Bedrohungen, die Ukraine in der Weltwirtschaft, die Milchwirtschaft in der Ukraine vor dem Krieg, die Kriegsrealität und zog ihre Schlussfolgerungen. Alle Risiken von der Pandemie über die Klimaänderung bis zu einem nicht ausgewogenen globalen Handel ergeben mit dem Krieg als Multiplikationsfaktor eine höhere Volatilität der Milchbalance und der Preise. Die Ukraine ist wichtig für die Versorgung der Welt: Das Land ist der größte Sonnenblumenproduzent, der sechstgrößte Maisanbauer und der neuntgrößte Weizenlieferant. Damit ist die Ukraine nach den USA und Brasilien der drittgrößte Agrarexporteur in die EU.
Im Land begann vor dem Krieg ein klarer Strukturwandel – weniger Kühe und größere Betriebe. 82 % der Milchanlieferung wurde 2021 von kommerziellen Milcherzeugern geliefert, die durchschnittliche Jahresleistung lag bei 6.860 kg/Kuh, Topbetriebe brachten es auf 11.000 kg/Kuh. Der Jahresverbrauch der Menschen im Land lag bei 206 kg/Person. Die Kriegsrealität zeigt in folgenden Zahlen. Der Milchkuhbestand hat sich um mindestens 10 % auf 390.000 verringert, die Verluste des Sektors werden auf 136 Mio. USD geschätzt.

Neben vielen anderen Herausforderungen in der Kriegszeit kommen Diebstähle auf den von Russland okkupierten Gebieten, ausgesetzte oder abgeschaltete Energieversorgung und mit Minen verseuchte Agrarflächen erschwerend hinzu. Hinsichtlich des Binnenmarktes sind im Juli 2022 die Getreide- und Ölsaatpreise wegen der Hafenblockade abgestürzt, was Futter billiger machte, und die Produktionsmarge steigen ließ. Dadurch wurde die Tierhaltung profitabler als der Pflanzenbau. Was den Außenhandel anbelangt, liefen die Milchexporte aus der Ukraine weiter, vor allem durch Polen und Rumänien. Die Butterexporte waren im Juli 2022 auf dem Höchststand seit Juni 2019. In ihrer Zusammenfassung hielt Dr. Trofimtseva fest, dass je länger der Krieg dauert, desto schwieriger die Situation für die ukrainische sowie die Weltmilchwirtschaft wird.

Zertifizierung: Was sind Knackpunkte bei Exporten?

Milchexporte – Was sind die Knackpunkte bei der Zertifizierung? Diese Frage versuchte Dr. Björn Börgermann mit seinem Vortrag zu klären. Er gab zur Einführung einen Überblick über die Milchproduktion weltweit, die Milchproduktion nach Tierart weltweit, die Entwicklung der Milchanlieferung in Deutschland und EU-weit. 50 % der deutschen Milch und Milchprodukte fließen in den Export. Das Milchaufkommen stockt seit Jahresbeginn in wichtigen Exportländern. Börgermann informierte über die Weltmarktpreise und den Pro-Kopf-Verbrauch weltweit. Festzustellen ist, dass der deutsche Außenhandel leicht schrumpft. Im Bezug auf das Vereinigte Königreich – nach dem Brexit wichtigster Handelspartner für die EU – hat sich der Handel teilweise wieder stabilisiert. Die Importe Chinas sind zwar niedriger als im Rekordjahr 2021, halten sich aber auf hohem Niveau. Als Knackpunkte bei der Zertifizierung für den Export sieht Börgermann Prelisting und Listungsverfahren, Arten und Inhalte von Veterinärzertifikaten und Audits bzw. Inspektionen von Drittländern. Wer sich also zertifizieren lassen will, erhält beim MIV Unterstützung. Dr. Börgermann hält in seinem Fazit fest, dass Export kein Selbstläufer ist und einem harten internationalen Wettbewerb unterliegt. Deutschland mit einem Selbstversorgungsgrad von über 100 %, ist auf Ausfuhren angewiesen. Wir haben dafür auch, was Qualität und Sicherheit anbelangt, hervorragende Produkte. Der Export ermöglicht uns die Erschließung außereuropäischer Märkte, eine gute Wertschöpfung, je nach Produkt und Alternativen im Kundenkreis und Produktportfolio. Das Hauptfazit: „Made in Germany zieht – auch bei der Milch“.

Geht Milch ohne Antibiotika?

Geht „antibiotikafreie“ Milch!? Antibiotikareduzierung auf Milchviehbetrieben – dieses anspruchsvolle Thema wurde von Dr. Ulrike Sorge bearbeitet. So viel, vor allem auch internationale, Erfahrungen würden den Rahmen eines Berichtes deutlich sprengen und würden der Vortragenden keinesfalls gerecht. Deshalb sollte, im Bedarfsfall die Beratungsleistung des TGD in Anspruch genommen werden.
Eine wichtige Kernaussage von Dr. Sorge war: „Prävention ist wichtig, denn gesunde Tiere brauchen keine Behandlung.  Als Fazit zieht sie: Vorenthalten von effektiven Behandlungen darf niemals das Ziel sein. Derzeit gibt es in vielen Fällen keine alternativen Behandlungen. Fokus: Optimierung des Managements zur Krankheitsvorbeugung. Antibiotische Behandlungen bleiben erkrankten Einzeltieren vorbehalten. Dabei darf es eine Metaphylaxe nur im begründeten Einzelfall und zeitlich begrenzt geben. Natürlich muss die Historie der Einzelkuh betrachtet werden.

Aktueller Stand: Krisenmanagement am Beispiel MKS

Anton Bräckle bearbeitete zum Abschluss des ersten Tags das Thema „Krisenmanagement“. Warum gerade am Beispiel Maul- und Klauenseucher (MKS)? Der Erreger tritt weltweit immer wieder spontan auf, oft nach Jahrzehnten, und ist hochansteckend. Er betrifft mehrere Tierrassen und es entstehen massive Schäden – 2001 in GB 13 Mrd. USD. Als Modellfall wird ein Bereich ausgewählt, in welchem in einem Beobachtungsradius von 10 km fünf Molkereien, 500 Milcherzeuger und 15.000 Milchkühe mit einem täglichen Milchaufkommen von 300.000 l/Tag, betroffen wären.  Laut Bräckle soll das Projekt in Bayern eine Handreichung für die Abholung von Rohmilch im Falle eines MKS-Ausbruchs liefern.
Die Handreichung enthält Tipps für die technische Ausstattung, die Reinigung und Desinfektion von Milchsammelwagen ebenso wie Empfehlungen zur Routenplanung und Einrichtung von Korridoren. Zudem gibt es ein Merkblatt für Fahrer von Milchsammelwagen und Antworten auf die 33 häufigsten Fragen rund ums Thema MKS. Der erste Tag endete bei einer Bayerischen Brotzeit auf Einladung des LBM, wo in lockerer Runde wohl noch das eine oder andere Mal der Unterschied zwischen der Kau und der Kuh analysiert wurde.

Tag 2: Alles rund um den CO2-Fußabdruck

Tools und Forschungsprojekte zur Ermittlung des CO2-Fußabdrucks“ – Treibhausgas-Reduzierung bei der Milcherzeugung – mit diesem Thema startete Anton Reindl in den zweiten Tag. Die Rolle der Landwirtschaft bei diesem Thema ist komplex. Einerseits sind die Landwirte Verursacher von Treibhausgasemissionen, andererseits sind sie auch sehr stark betroffen vom Klimawandel und können doch letztendlich auch Teil der Lösung sein. Reindl stellte verschiedene Tools zur Treibhausgasbewertung vor, die sich in ihrer Tauglichkeit auch andauernd weiterentwickeln. Er gab auch Ansatzpunkte zur Treibhausgasvermeidung im Milchviehbetrieb, von der Düngung über die Fütterung bis hin zur Biogasanlage. Reindl ging auch auf die Grenzen der Berechnungstools ein. In seiner Zusammenfassung stellt Reindl fest: „Der CO2-Fußabdruck ist nur ein Aspekt von vielen Herausforderungen in der Zukunft.“
Ein weiteres Fußabdruckthema erörterte Prof. Dr. Spiekers‘ mit dem Vortrag „Minderung des CO2-Fußabdrucks im Futterbaubetrieb“. Er besprach aktuelle Entwicklungen in der Milcherzeugung, die Absicherung der Futterversorgung im Klimawandel, den CO2-Fußabdruck mindern, die Futtereffizienz verbessern, Grobfutterverluste mindern und die Nahrungskonkurrenz mindern.
Dr. Spiekers Fazit: In Futterbaubetrieben sind die Sicherung der Grobfutterversorgung und die Minderung der Klimawirkung zu gewährleisten. Minderung der Verluste und Hebung der Qualität bei gleichem oder reduziertem Aufwand sind Teil der Lösung. Die Berechnung der Effekte erlauben eine Verbindung zur Ökonomie. Der Futteraufwand ist zu minimieren, es soll nur so viel Nachzucht wie notwendig erfolgen. Alle Maßnahmen müssen Akzeptanz bei Verbraucher und Landwirt finden.
Aus Göttingen zugeschaltet war Prof. Dr. Armin Spiller, Marketing-Spezialist für Lebensmittel und Agrarprodukte. Er befasste sich mit dem Thema – Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitslabel in Deutschland und in der EU: Was kommt auf die Milchwirtschaft zu? Nach interessanten Betrachtungen und Bewertungen, was sich am Markt abspielt, zog Dr. Spiller ein Zwischenfazit. Die Informationen sind überladen, dadurch wird es unübersichtlich, zum Teil ist auch Greenwashing im Spiel. Es gibt ein informationsbedingtes Marktversagen. In dieser Form kann der Markt keinen wesentlichen Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz leisten. Spiller sieht sogar einen Schaden für die Umwelt, die Verbraucher so wie den engagierten Hersteller. Nach einer Definition der Begriffe Klimaschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit betrachtet und bewertet Dr. Spiller verschiedene Labels, die im Markt zu finden sind. Er schließt mit der Feststellung, dass es noch viele Diskussionspunkte gibt. Relativ eindeutig ist für ihn ein Front-of-Pack-Label. Es spricht vieles für mehrstufige farbige Label. Lebenszyklus übergreifend ist ein guter Ansatz. Zunächst können allgemeingültige Daten verwendet werden, die später um Unternehmensspezifische Daten ergänzt werden können, um einen Anreiz für die Unternehmen zu schaffen. Dr. Spillers Abschluss: „Wenn Fragen, gerne schreiben!“ Seine Kontaktdaten finden sich auf der Homepage der Universität.

ivan karl werner sterk

Geschäftsführer Simon Gutensohn, Michael Heimler, Christine Röhrl und Milchprinzessin Phiolmena Mögele. Fotos: sterk

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