Milchviehhaltern wird viel abverlangt

5. Juli 2022

Beim VMB-Infotreff Milch drehte sich alles um das neue Modul QM+ für die Haltungsstufe 2. Auf die Bauern kommt noch mehr Bürokratie im Rahmen der Audits zu. Ob es sich lohnt, muss jeder Betriebsleiter selbst entscheiden.

Nach langen Verhandlungen stehen sie fest, die Anforderungen für das Modul QM+. Start war bereits am 1. April. Der Verband der Milcherzeuger Bayern (VMB) veranstaltete nun einen »Infotreff Milch«, der situationsbezogen im Online-Format angeboten wurde. Marie Janson, Geschäftsführerin der Zertifizierungsstelle milchZert GmbH, stand zusammen mit Wolfgang Scholz, Vorsitzender des VMB, sowie Dr. Hans Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des VMB, den mehr als 100 Teilnehmern Rede und Antwort zu Fragen rund um das Thema QM+. Eine intensive Diskussion blieb dabei nicht aus.

Als Einstieg in die Fragerunde gab Marie Janson einen kurzen Überblick über die Basis- und Zusatzkriterien, die das neue Modul QM+ mit sich bringt. Die einzelnen Kriterien findet man unter www.qm-milch.de, auch unter
www.milcherzeugerverbandbayern.de können die Details nachgelesen werden. Grundsätzlich ist QM+ eine Ergänzung zum QM-Standard, weitere Ausbaustufen (QM++ und QM+++) für die Haltungsstufen 3 und 4 sollen folgen. Die Zertifikatslaufzeit beträgt drei Jahre, wobei jeweils nach 18 Monaten ein Bestätigungs-Audit durchgeführt wird. Beim Audit festgestellte Mängel werden fotografisch dokumentiert, wodurch ein Nachaudit hinfällig ist, da der Milcherzeuger die Dokumentation der Korrekturmaßnahme selber nachreichen kann. Kann der Milcherzeuger einen festgestellten Mangel innerhalb der vereinbarten Frist beheben, bleibt er in Haltungsstufe 2, andernfalls fällt er in Stufe 1 –  vorausgesetzt, er erfüllt die QM-Anforderungen. Kann er auch diese nicht erfüllen, fällt er komplett aus dem Haltungsstufensystem.

Unangekündigte Bestands-Checks

Für viele Online-Teilnehmer nicht nachvollziehbar sind die unangekündigten Bestands-Checks, die zusätzlich zu den regulären QM-Audits einmal jährlich anstehen – auch dann, wenn im Regel-Audit kein Mangel festgestellt wird. Unangekündigt bedeutet: Der Betriebsleiter werde nur dann telefonisch kontaktiert, wenn er zum Zeitpunkt der unangemeldeten Kontrolle nicht auf seinem Betrieb anzutreffen sei, erklärte Janson. Könne der Auditor allerdings mehrmals hintereinander diese unangekündigte Kontrolle nicht durchführen, werden voraussichtlich Konsequenzen zu ziehen sein, so Janson. Welche Folgen das sind, werde derzeit von QM-Milch noch erarbeitet. Das Audit ist ein reiner „Stallcheck“, bei dem eine festgelegte Auswahl der Programmkriterien geprüft werden, eine Dokumentenprüfung findet nicht statt.

Die Kriterien und Fristen im Blick haben

Neben der tierärztlichen Bestandsbetreuung rückt auch die Teilnahme an Tiergesundheits-Monitoring-Programmen (z.B. Antibiotikamonitoring oder Schlachtbefunddatenbank) bei QM+ in den Fokus. »Reden Sie rechtzeitig mit Ihrem Tierarzt«, empfiehlt Janson, »denn dieser ist beispielsweise für die Dateneingabe in die Antibiotikadatenbank zuständig.« Ist ein Betrieb am 1.11.2022 nicht in der Datenbank zu finden, hat er für QM+ keine Lieferberechtigung. Zum Punkt Tier-Liegeplatz-Verhältnis verdeutlichte Dr. Seufferlein, dass die Anzahl der Fressplätze für QM+ nicht relevant sei. Hier gehe es nur um die Anzahl der Liegeplätze. Allerdings mahnte Dr. Seufferlein die temporär zulässige Überbelegung von bis zu 10 % in einzelnen Gruppen, z.B. verursacht durch Spitzen bei den Abkalbungen, nicht auszureizen, denn die Kulanz sei gering. Passend dazu kam die Frage, ob und welche Mängel an das Veterinäramt gemeldet werden. »Normale Auditmängel melden wir grundsätzlich nicht, allein aufgrund des Datenschutzes. Bei groben Tierschutzverstößen müssen wir das Veterinäramt informieren«, erklärte Janson.

Was kommt auf die Molkereien zu?

Die Molkereivertreter in der Runde informierte sie, dass die Molkereien einen Programmkoordinator benötigen, der die Milcherzeuger bündelt und die Zertifizierungsstelle beauftragt. Die Stellung des Programmkoordinators kann von der Molkerei oder auch den MEGs selbst oder von einem externen Dienstleister eingenommen werden. Die Aufgaben des Koordinators sind unter anderem die Interessenswahrnehmung der teilnehmenden Betriebe, die Datenverwaltung und -bearbeitung in der Datenbank, die Unterstützung des Sanktionsbeirates bei Sanktionsverfahren sowie die Informationsweitergabe an den Milcherzeuger. Auch entscheidet der Koordinator, wie zu verfahren ist, wenn ein Betrieb ein Audit nicht bestanden hat.

Mögliche Brücke zur Initiative Tierwohl

Für QM+-Milchviehbetriebe besteht die Möglichkeit, Schlachtkühe ohne ein weiteres Audit als ITW-Kühe zu vermarkten. Nicht abgedeckt ist die Färsenvermarktung, hierfür wird ein zusätzliches ITW-Audit benötigt (analog zum Vorgehen bei der Anerkennung von QM-Milch-Schlachtkühen im QS-System). Betriebe, die neben der Milchviehhaltung zusätzlich eine Bullenmast betreiben, müssen sich ebenfalls wie gehabt doppelt zertifizieren – QM+ für die Milch und ITW für die Mast.

Lohnt sich die Zertifizierung?

Ob sich die Teilnahme und damit der Tierwohlaufschlag rechnen, kann nur jeder Betrieb individuell für sich entscheiden. Je höher die Investitionen sind, umso unattraktiver dürfte die Teilnahme an QM+ sein. Bei der Kalkulation darf nicht vergessen werden, dass der Handel den Aufschlag in Höhe von 1,2 ct/kg Rohmilchäquivalent nur für die Milch zahlt, die über den LEH mit der neuen Auslobung »Haltungsform 2« tatsächlich verkauft wird. Auch für den Export spielen die Haltungsformen nach wie vor keine Rolle. Abhängig davon, welches Label gegenüber dem Verarbeiter seitens LEH gefordert wird, können die Milcherzeuger das Zertifizierungsprogramm nur bedingt frei wählen. Für die Akzeptanz müsse man werben, so Janson. Nicht nur die (unangekündigten) Audits, bei denen Fotoaufnahmen gemacht werden, auch die Planbarkeit und damit Entscheidung für oder gegen eine Investition stellt ein Problem dar. Milcherzeuger, die an QM+ teilnehmen, sollten sich weiterhin regelmäßig informieren, da es noch zu Änderungen kommen könne, so Dr. Seufferlein. Marie Janson nimmt hier auch die Molkereien in die Verantwortung, ihre Lieferanten dementsprechend auf dem Laufenden zu halten. Im Hinblick auf eine gute Auditvorbereitung sei dies wichtig, mahnte sie. Mit der Haltungsformkennzeichnung der Konsummilch ist das Ende der Fahnenstange laut VMB nicht erreicht. Weitere Produkte werden folgen, die Gespräche dazu laufen bereits. Die Dynamik in diesem Prozess verlangt den Milcherzeugern viel ab, die Wertschöpfung ist kaum messbar.
ag

Abhängig davon, welches Label gegenüber dem Verarbeiter seitens LEH gefordert wird, können die Milcherzeuger das Zertifizierungsprogramm nur bedingt frei wählen. Foto: pixabay

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