Weidezäune: Sicher ist nicht immer sicher…

22. Juli 2021

… deswegen sollte stets die Funktionsfähigkeit des bestehenden Zauns bzw. des Zaunmaterials überprüft werden. Bei Neubeschaffungen sollte auf leistungsfähige Elektrozaungeräte zurückgegriffen werden.

Weidezäune sind aufgrund der Tierhalterhaftung bzw. Tierhüterhaftung gemäß §§ 833, 834 BGB notwendig, um Dritte vor Schäden durch Nutztiere zu schützen. D.h., dass der Tierhalter dafür Sorge zu tragen hat, dass von seinen Tieren keine Schäden verursacht werden.
Schutzzäune sollten aus- und einbruchsicher, stabil und langlebig, leicht und flexibel zu handhaben und bezahlbar sein. Zur professionellen Gestaltung gehört die ausreichende Höhe, der bodenbündige Abschluss, bei Elektrozäunen die ausreichende Hütespannung ohne Unterbrechung.

Besondere Anforderungen

An die Gestaltung eines wolfsabweisenden Zaunes sind höhere Anforderungen zu stellen als für die Einzäunung von Haustieren ohne Gefahr durch Raubtiere. Bei Zäunen an Böschungen muss durch ausreichende Höhe (mind. 120 cm) oder durch ausreichenden Abstand verhindert werden, dass ein leichtes Einspringen oder Überklettern möglich ist. Siloballen, Holzstöße, Landmaschinen, Paletten usw. sollten im Abstand von mind. 4 m vom Zaun platziert oder ausgezäunt werden. Sie könnten sonst als Einsprunghilfe dienen. Die Einzäunung sollte täglich auf Schwachstellen kontrolliert werden. Beim Zaunbau und der Aufstellung von Mobilzäunen ist höchste Sorgfalt gefordert: Wölfe verzeihen keine Fehler und Nachlässigkeiten.

Es gibt vielfältige Zaunkonzepte. Grundsätzlich ist zwischen Stabilzäunen mit Holz-, Kunststofflatten oder Metallrohren, Draht-Festzäunen und Elektrozäunen zu unterscheiden. Stabilzäune und Draht-Festzäune erfordern einen hohen Aufwand für die Konstruktion. Für den Herdenschutz muss bei Drahtzäunen das Untergraben verhindert werden. Dies kann durch 40 cm tiefes Eingraben oder durch eine vorgelagerte Zaunschürze aus verzinktem 2-mm-Drahtgeflecht von mind. 100 cm Breite erreicht werden. Die Zaunschürze kann abgedeckt werden oder in den Rasen einwachsen. Bei Drahtgeflechtzäunen auf nicht grabbarem Untergrund muss durch einen Spanndraht am Boden der Bodenschluss gewährleistet werden. Der Herdenschutz bei Stabilzäunen kann durch Kombination mit Elektrozaunelementen verbessert werden. Schwachstellen wie Bodenwellen, Wassergräben oder Tore müssen gesondert betrachtet und mit speziellen Konstruktionen »abgedichtet« werden. Gummimatten unter/vor den Toren können das Untergraben verhindern. In Bachläufen können Installationen (»Floodgates«) eingehängt werden, die bei Wasserkontakt elektronisch so geregelt werden, dass die Hütespannung am Zaun erhalten bleibt.

In der Nutztierhaltung haben Elektrozäune inzwischen eine größere Bedeutung als Draht-Festzäune. Für einen funktionierenden Elektrozaun sind vier Elemente wichtig:
– Zaundrähte mit einer hohen elektrischen Leitfähigkeit (Widerstand mehr als 0,5 Ohm/m)
– Isolatoren aus Kunststoff, Polycarbonat oder Porzellan
– Eine gute Erdung, vor allem bei sandigen und trockenen Böden
– Mindesthütespannung von 2. 000 V, mind. 4. 000 V Zaunspannung zum Herdenschutz, damit auch bei Bewuchs, Tau und Regen genug Spannung an jeder Stelle des Zauns erreicht wird.

Für die abschreckende Wirkung des Zauns auf Weidetiere und den Wolf ist ein Zaun mit den genannten Leistungskriterien notwendig. Der effektive Stromschlag, den das Tier mit dem ersten Zaunkontakt bekommt, muss so intensiv sein, dass die abschreckende Wirkung im Gedächtnis bleibt und künftig Zaunkontakt vermieden wird.  Damit 4 .000 V Zaunspannung erreicht werden, sind Zaungeräte mit mind. 2 J Ladeenergie zu empfehlen. Dazu kommt eine angepasste Erdung, die aus der Beschreibung des Zaungeräts zu entnehmen und in Abhängigkeit vom Untergrund zu gestalten ist.

Praxistipp für die Erdung

Die Erdung sollte so gestaltet werden, dass nach gutem Kurzschluss des Zauns mit dem Boden mit dem Voltmeter max. 600 V an der Erdung gemessen werden. Falls das nicht erreicht wird, sind zusätzliche Erdungspfähle zu installieren. Zur täglichen Spannungskontrolle sollte jeder Elektrozaunbetreiber einen Zaunprüfer bei sich haben.

Netzgeräte oder 12-V-Nassbatteriegeräte sind auch für längere Zäune und zur laufenden Vernichtung von leichtem Bewuchs geeignet. Trockenbatteriegeräte bringen weniger Leistung und verursachen höhere Betriebskosten. Zum Herdenschutz wird der unterste Draht zur Verhinderung des Unterkriechens auf max. 20 cm Bodenabstand angebracht. Die oberste Litze kann als Breitband-Flatterband gestaltet werden. Kurzfristig kann auch das Anbringen eines Lappzauns abschreckende Wirkung haben. Dabei werden ca. 1 m lange Streifen von Absperrbändern im Abstand von 2 m in den Zaun geknüpft. Die Maßnahme ist unmittelbar nach Wolfsübergriffen sinnvoll.

Spannungsabfall verhindern

Die elektrische Leitfähigkeit sinkt von Kupferdraht über Aluminiumdraht, Stahldraht bis Nirosta-Draht, dagegen steigt die Reißfestigkeit. Bei Kunststofflitzen sollte auf die Kombination mit Edelstahlleitern und Kupfer/Zinn-Leitern zurückgegriffen werden, um Spannungsabfall zu verhindern. Die Leitfähigkeit wird durch Kombination mit verzinnten Kupferleitern um ca. den Faktor zehn verbessert. Wenn die Zaunspannung abfällt, ist nach der Ursache zu suchen. Ist der Bewuchs regennass oder taufeucht, kann das die Hütesicherheit durch Absenkung der Zaunspannung drastisch vermindern. Draht-Festzäune können mit einem vorgesetzten Elektrozaun mit max. 20 cm Bodenabstand ergänzt werden. Dazu werden Isolatoren mit einem 20 cm langen Schaft oder Abstandhalter mit Porzellanisolatoren verwendet, um das Untergraben zu verhindern. Zur Verhinderung des Überkletterns ist ein zusätzlicher Leiter auf 40 cm Höhe sinnvoll. Die Abstandhalter können in vorhandene Zaundrähte eingehängt werden. Ebenso kann ca. 20 cm über dem Zaun eine Überkletterungssicherung mit Stromführung angebracht werden.

Kosten und Nutzen abwägen

Stabilzäune können außen mit Elektrozaunnetzen ergänzt werden, was aber den ohnehin teuren Stabilzaun sehr verteuert und den Pflegeaufwand erhöht. Die Netze sind im Normalfall 50 m lang und 0,9 m bis 1,45 m hoch. Auch hier gilt, dass durch Kombination von Edelstahlleitern mit Kupferleitern die Zaunspannung über eine lange Distanz gehalten werden kann. Empfohlen wird, auch aus arbeitswirtschaftlichen Gründen, zusätzliche stromführende Drähte jeweils  20 cm über dem Boden, zwischen den Stangen und über der abschließenden Stange anzubringen.

Dr. Thomas Jilg

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