Was die Klaue mag

4. August 2026

Klauenerkrankungen gehören mit zu den häufigsten Erkrankungen bei Milchkühen und sind zudem schmerzhaft und teuer. Lahmheiten verändern das Verhalten der Kuh – sie liegt mehr, frisst weniger, läuft seltener zum Futtertisch oder Melkroboter.

Wie schafft man also Voraussetzungen für eine gute Klauengesundheit und beste Lokomotion der Kühe? Dazu müssen zunächst die anatomischen Voraussetzungen betrachtet werden. Beim Paarhufer sind nur noch zwei von fünf Zehen in Funktion, im Vergleich mit der menschlichen Hand sind das Ring- und Mittelfinger. Hier besteht bei Rindern über drei Jahren ein Längenunterschied von durchschnittlich 2,5 mm. Wenn nun die Klaue nicht auf verformbarem Naturboden einsinken kann, dann muss hauptsächlich die Außenklaue das Gewicht tragen. Daher treten dort auch die meisten mechanisch-traumatischen Erkrankungen auf. Verschärft wird die Problematik noch dadurch, dass Gewebe sozusagen als Schutzmechanismus auf Belastung mit Zellvermehrung reagiert. Das trifft auf Knochen genauso zu wie auf die Haut. Demzufolge bilden sich an der Unterseite des Klauenbeins der stärker belasteten Außenklaue Knochenzubildungen (Exostosen), die schmerzhafte Druckpunkte darstellen. Insgesamt ist die Hornbildung an den äußeren Klauen höher als an den inneren, sodass sich ein Teufelskreis anbahnt, weil die Außenklaue immer mehr Last aufnehmen muss.

Naturnahe Verhältnisse

Um Verhältnisse ähnlich der Natur zu schaffen, wurden verformbare Böden entwickelt, die sich in Form von Gummiauflagen auf planbefestigten wie perforierten Laufflächen seit vielen Jahren in der Praxis bewähren. Wichtig für die Gesunderhaltung der Rinderklaue ist zusätzlich die Rutschsicherheit der Laufflächen. Nur so bewegen sich die Tiere vertrauensvoll fort, die Klauen werden gut durchblutet und adäquat mit Nährstoffen versorgt und sie üben normales Brunst- und Körperpflegeverhalten aus. Auf Naturboden sinkt die längere Klauenhälfte im Moment des Auffußens leicht ein, wodurch bei leicht überstehendem Tragrand eine gute Traktion entsteht. Kurz darauf unterstützt die Innenklaue und die Lastaufnahme erfolgt ausbalanciert. Profilierungen des Bodens sorgen im Stall ersatzweise für Rutschsicherheit. Allerdings ist dabei zu beachten, dass auf keinen Fall der Tragrand der Rinderklaue Schaden nimmt. Dieser hat, wie der Name schon sagt, eine elementare Funktion. Da das Rind im Vergleich zum Menschen pro Quadratzentimeter ungefähr die zehnfache Belastung auf den Boden bringt, sind besondere Mechanismen zur Stoßdämpfung notwendig. Das Rind steht nicht auf der Sohle, sondern hängt sozusagen im Hornschuh und fußt mit der Zehenspitze. Der sogenannte Aufhängeapparat überträgt das Gewicht fast vollständig auf die Klauenwand und schließlich auf den Tragrand. Der »Sohle« kommt nun noch eine Unterstützungsfunktion zu, wobei ein System aus Bindegewebe und Fetten vor Überbeanspruchung schützt. Leider gehören aber diese Polsterfette zu denjenigen, die beim Energiedefizit zu Beginn der Laktation mobilisiert und später nicht mehr vollständig regeneriert werden. Für die Laufflächengestaltung bedeutet das, dass rutschhemmende Profilierungen den funktionell wichtigen Tragrand auf keinen Fall beschädigen und dadurch in der Funktion beeinträchtigen dürfen.

Lauernde Erkrankung

In den letzten Jahren hat sich eine infektiöse Klauenerkrankung zur weltweit bedeutendsten Lahmheitsursache entwickelt, die sogenannte Mortellaro’sche Erkrankung (Fachsprache: Dermatitis Digitalis). Nur noch wenige Rinderbestände sind davon frei. Heilbar ist diese Infektion leider nicht, denn die spiralförmigen Erreger enzystieren in der Haut, das bedeutet, sie nehmen Ruhestadien ein. Wenn das Immunsystem belastet ist, bricht die Erkrankung plötzlich wieder aus, z. B. nach Hitzestress oder Stoffwechselbelastungen. Daher gilt es, die Keime möglichst nicht beispielsweise durch Zukauf einzuschleppen. Außerdem sollte es den Erregern möglichst nicht zu leicht gemacht werden, die Haut zu besiedeln. Aufgeweichte, gequollene Haut besitzt weniger gute Barriereeigenschaften. Außerdem ist bekannt, dass Kot und Harn die Hornzellen angreifen und deren Schutzwirkung herabsetzen.

Klauen und ihre Ansprüche

Die Schlussfolgerungen für gute Laufflächen im Laufstall sind klar. Aus Sicht einer unbeeinträchtigten Fortbewegung bei bester Klauengesundheit sollten die Böden ein leichtes Einsinken erlauben, idealerweise so viel, dass der anatomische Längenunterschied von ca. 2,5 mm ausgeglichen wird. Die Rutschsicherheit sollte idealerweise bereits durch die Verformbarkeit der Laufflächen unterstützt werden und sofern Profilierungen erforderlich sind, dürfen diese den Tragrand nicht beschädigen. Besonders wichtig ist die Laufganghygiene. Feuchtigkeit und Keimdruck durch Verschmutzung sind zu vermeiden. Auch wenn sich der Mythos vom zu geringen Abrieb auf Gummibelägen hartnäckig hält, ist tatsächlich zu hohe Feuchtigkeit maßgeblich dafür verantwortlich, wenn das Gleichgewicht von Hornbildung und -abrieb aus der Balance gerät.

Wenn Horn als modifizierte Haut schnell Wasser aufnimmt und quillt, verändern sich die physikalischen Eigenschaften. Der Abrieb nimmt ab. Dieser Zusammenhang ist grundsätzlich aus der Tiefstreuhaltung bekannt, je feuchter es wird, desto länger werden die Klauen. Etwas geringerer Abrieb auf Gummimatten gegenüber rauen Betonoberflächen wird, wie schwedische Studien bewiesen, durch verringerte Hornbildungsraten aufgrund der moderateren Belastung fast vollständig ausgeglichen.

Harn ableiten, Klauen schützen

Neue Bodenausführungen zur Ammoniakemissionsminderung bringen genau die gewünschten Eigenschaften mit. Damit Bakterien den Harnstoff aus dem Urin der Tiere nicht direkt zu Ammoniak verstoffwechseln, leiten die neuen Laufflächenausführungen den Harn rasch ab. Dazu werden die Böden in der Regel mit Gefälle konstruiert und mit angepasster Entmistungstechnik besonders häufig gereinigt. Wenn nun diese harnableitenden Laufflächen auf Basis von verformbaren Gummimatten in neue Ställe eingebaut oder bei vorhandenen Stallungen nachgerüstet werden, sind beste Voraussetzungen für die Klauen und die Mobilität der Kühe geschaffen.

Prof. Dr. Barbara Benz, HfWU Nürtingen

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