Kälberhaltung neu denken

13. August 2026

Die Pärchen- bzw. Kleingruppenhaltung von Kälbern ist eine tiergerechte Alternative zur Einzelhaltung, die soziale Kontakte ermöglicht, das Lernverhalten fördert und die Anpassungsfähigkeit erhöht. Studien zeigen, dass Kälber dadurch besser auf Veränderungen reagieren, schneller neues Futter akzeptieren und ihre Entwicklung begünstigt ist.

Agrarfoto

Auf politischer Ebene sind Diskussionen im Gang, die die Kälberhaltung als zentralen Baustein der Rinderhaltung im Fokus haben. Auf EU-Ebene steht hier natürlich die Farm-to-Fork-Strategie im Vordergrund. Mit dieser Strategie möchte die EU die gesamte Lebensmittelkette von der Erzeugung bis zum Endverbraucher nachhaltiger gestalten.

Einer der Aspekte dabei ist auch der Tierschutz bzw. darüber hinausgehend das Tierwohl. In diesem Zusammenhang wurde die EFSA – europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – mit der Erstellung eines Gutachtens zur Verbesserung des Tierwohls in der Kälberhaltung beauftragt. Abseits aller Kritik an diesem Gutachten wird daraus sehr deutlich, dass insbesondere das Konzept der Einzelhaltung für Kälber, langfristig nur noch eine eingeschränkte Zukunft haben wird. Obwohl dieses Gutachten keine unmittelbare Gesetzgebung darstellt und auch konkrete Vorschläge seitens der EU-Kommission, die ursprünglich bis Ende 2023 angekündigt waren, noch fehlen, kann davon ausgegangen werden, dass zukünftige Haltungskonzepte für Kälber sicherlich mehr das Tierwohl von Kälbern in den Vordergrund stellen müssen.

In Gemeinschaft leben

Rinder, und damit auch Kälber, sind Herdentiere und zahlreiche Verhaltensweisen werden auch in Gemeinschaft ausgeführt. Mit Blick auf die Kälber sei in diesem Zusammenhang auf den sogenannten »Kälberkindergarten« hingewiesen in welchem Kälber in der Gruppe u. a. spielen, unterteilt in Bewegungs- und Objektspiel, die Umgebung erkunden bzw. eng damit verbunden gemeinsam lernen und soziale Kompetenzen entwickeln.

Aus dieser kurzen Betrachtung wird bereits deutlich, dass die Einzelhaltung, zumindest in der derzeit praktizierten Form die Kälber in ihrem natürlichen Verhalten stark einschränkt und daher auch hinterfragt wird. Ein häufig vorgebrachtes Argument für die Einzelhaltung lautet, dass sich Kälber nach der Geburt auch unter naturnahen Bedingungen aufgrund des unzureichenden Immunschutzes zunächst zurückziehen und einzeln liegen. Das ist zwar grundsätzlich richtig, beachtet werden muss aber, dass sich die Tiere dann nicht für zwei oder mehr Wochen zurückziehen, sondern im Regelfall nur etwa für die ersten drei bis fünf Lebenstage.

Bedingungen entscheiden

Auch ist die Kälbergesundheit nicht unmittelbar mit der Einzelhaltung verbunden. Immer wieder wird in Studien gezeigt, dass sich die Kälbergesundheit beispielsweise in der Pärchenhaltung oder auch Kleingruppen nicht zwingend verschlechtert. Das zeigt, dass nicht das Haltungssystem, sondern die Haltungsbedingungen (Betreuung, Klimatisierung, etc.) in erster Linie über die Kälbergesundheit entscheiden und als Folge daraus, dass Tierwohlsteigerungen in der Regel nicht ohne Mehrarbeit, beispielsweise in der Tierbeobachtung, erreicht werden können.

Dieser Aspekt spricht in der Kälberhaltung aber auch gegen zu große Gruppen, welche in der Tierbetreuung sehr anspruchsvoll werden und dann auch tatsächlich zu einer Verschlechterung der Kälbergesundheit führen können. Die Obergrenze sollte bei acht bis zehn Kälbern je Gruppe gezogen werden. Auch das Tränken bzw. das gegenseitige Besaugen ist ein Punkt, der bei Tierhaltern Bedenken und Vorbehalte gegen die frühe Pärchen- und Kleingruppenhaltung auslöst. Die Gründe für das Besaugen sind vielfältig und auch noch nicht zur Gänze erforscht. Als sicher kann gelten, dass Besaugen in einer naturnahen Mutterkuhhaltung nahezu nicht auftritt und somit als eine Verhaltensstörung in Folge der Haltungsbedingungen bzw. der Nichterfüllung von Bedürfnissen angesehen werden kann.

Bedürfnisse erfüllen

Zu Bedürfnissen wird den meisten zunächst wohl das Saugbedürfnis der Kälber, das durch einen Milchnuckel befriedigt wird, einfallen. Das ist grundsätzlich auch korrekt, aber auch nicht die gesamte Wahrheit. So stellt sich beispielsweise die ganz simple Frage, wie lange ein Kalb saugt, Empfehlungen gehen hier für eine ausreichende Einspeichelung und demzufolge gute Verdauung der Milch von vier bis fünf Minuten je Liter aus. Diese Werte werden in der Praxis in der Regel nicht erreicht. Daneben ist das Saugbedürfnis kein Selbstzweck, sondern ein Teil der Überlebensstrategie von Kälbern. Verspüren Kälber, die noch keine vollwertigen Wiederkäuer sind, Hunger, dann stellt sich ein Saugbedürfnis ein, völlig unabhängig davon, ob das Kalb bei der vorherigen Mahlzeit ausreichend lange einen Nuckel zur Verfügung hatte. Somit ist auch eine ausreichende tägliche Milchmenge ein wesentlicher Baustein zur Vermeidung von besaugenden Kälbern.

Mit der Milchmenge muss im gleichen Atemzug auch die Frage nach der Tränkehäufigkeit pro Tag gestellt werden. Vorherrschend ist hier immer noch die rationierte Fütterung mit zwei Mahlzeiten am Tag. Aufgrund der beschränkten Kapazität des Labmagens kann das Kalb besonders in den ersten Lebenswochen große Einzelportionen nur schlecht verarbeiten. Das bedeutet, dass aufkommender Hunger mit mehreren kleinen Einzelportionen gestillt werden muss.

Mit zunehmender Labmagenkapazität kann die Tränkehäufigkeit pro Tag dementsprechend abnehmen. Schlussendlich können aber auch Faktoren wie ein fehlendes Beschäftigungsangebot über das Aufkommen von Besaugen als Folge einer reizarmen Umgebung mitentscheiden. Ohnehin ist Beschäftigungsmaterial ein wesentlicher Bestandteil, dass Kälber artbedingtes Verhalten in der Stallhaltung besser ausleben können. Kälber lernen durch das Erkunden von Gegenständen sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen; je veränderlicher und abwechslungsreicher diese Gegenstände sind, desto besser und ausgiebiger werden die Fähigkeiten des Kalbs gefördert und helfen dem Tier, sich auch in späteren Haltungsabschnitten besser zurecht zu finden und anzupassen. Ebenso kann durch interessantes Beschäftigungsmaterial das Aufkommen von unerwünschten Verhaltensweisen verringert werden.

Vorsicht geboten ist auch bei der Art des Beschäftigungsmaterials, gerne wird hier der vermenschlichte Begriff »Spielzeug« verwendet. Dies führt mitunter dazu, dass Beschäftigungsmaterial nach menschlichen Vorstellungen ausgewählt wird und dies den Bedürfnissen der Kälber nicht entgegenkommt. Dies trifft beispielsweise auf Gummibälle zu, die kaum veränderbar sind und auch nicht oral erkundet werden können.

Zeit für die Gruppenhaltung

Aus Sicht des Kalbes sollte mit der Pärchen- bzw. Kleingruppenhaltung nicht zu lange gewartet werden. Wann ist aber letztendlich der richtige Zeitpunkt? Dieser hängt in erster Linie vom Kalb selbst ab und sollte daher nicht starr geregelt werden.
Kälber, die gesund und kräftig sind, beginnen beispielsweise in der Einzelhaltung sehr früh damit den Kopf nach draußen zu stecken und die Umgebung abzusuchen. Dies kann als deutlicher Hinweis verstanden werden, dass das Kalb bereit ist die Einzelhaltung hinter sich zu lassen. Dafür muss aber nicht nur das Kalb selbst bereit sein, sondern selbstverständlich auch das bzw. die Partnertier/e. Oft wird in diesem Zusammenhang auch die Frage gestellt, wie groß der Altersunterschied zwischen den Kälbern in einer Gruppe sein darf. Zunächst einmal sollte der Unterschied so gering wie möglich sein. Verlaufen Wachstumsschritte parallel, ist die Betreuung der Tiere deutlich einfacher, hier sei beispielsweise auf das Verdrängen an einem Nuckeleimer hingewiesen, was dann wieder eine Tierfixierung bzw. Trennung der Tiere während der Tränkzeit bedingt. Aus solchen Überlegungen hat sich letztlich die allgemeine Empfehlung mit maximal zwei bis vier Wochen Altersunterschied gebildet.

Ausreichend Platz

Für das Bilden von Pärchen- oder Kleingruppen bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder die Kälber werden in ein neues Stallabteil gebracht, oder die Einzelhaltung wird durch zusammenlegen einzelner Kälber zur Gruppenhaltung erweitert. Dabei bietet die zweite Variante deutlich mehr Flexibilität hinsichtlich der Gruppengröße und bietet sich daher für kleinere Betriebe mit wenigen Kälbern an.

Die flexible Zusammenlegung von Einzelhaltungsboxen kann allerdings nach gültigem Recht aus Gründen des Platzangebots problematisch werden. Nach Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung muss für Kälbergruppen bis zu drei Tieren je nach Lebendgewicht mindestens 4,5 m² Platz angeboten werden. Gleichzeitig muss einem Kalb in Einzelhaltung je nach Alter mind. 0,96 m² Platz zur Verfügung stehen. Aus diesen beiden Zahlen wird schnell ersichtlich, dass durch ein einfaches Zusammenlegen zweier Einzelhaltungsboxen unter Umständen aus einer rechtskonformen Einzelhaltung eine ordnungswidrige Pärchenhaltung oder Kleingruppenhaltung wird. Dieser Umstand muss auch bei neuen Einzelhaltungssystemen, die bereits mit herausnehmbarer Trennwand oder ähnlichen Lösungen erworben werden können, beachtet werden. Auch hier erfüllen nicht alle Systeme das aus dem Zusammenlegen resultierende Mindestplatzangebot von 4,5 m².

Weitere Hürde

Diese rechtliche Situation ist allerdings aus Sicht des Tierwohls kaum nachvollziehbar und ist sicherlich eine weitere Hürde, die einer weiteren Verbreitung der Pärchen- und Kleingruppenhaltung entgegensteht. Dennoch muss in diesem Zusammenhang aber beachtet werden, dass das Platzangebot ein bedeutender Faktor für Tierwohl ist. Je mehr Platz zur Verfügung steht, desto intensiver findet beispielsweise Bewegungsspiel statt.

Unabhängig von der Frage, wann Teile davon in neue gesetzliche Regelungen übergehen, sollte eine verhaltensgerechte Kälberaufzucht, als Garant für die Entfaltung des genetischen Leistungspotenzials der Tiere zumindest für alle milcherzeugenden Betriebe bereits heute einen besonderen Stellenwert haben. Selbstverständlich braucht es für diese Umstellung neben Investitionen und ausreichend freier Arbeitskapazität vor allem Mut und Offenheit für neue Konzepte.

Jaschko Luib, LAZBW Aulendorf

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