Cool bleiben bei Hitze
Hitze beeinträchtigt unsere Milchkühe maßgeblich. Bauliche Maßnahmen schaffen Abhilfe und wurden am Institut für Landtechnik und Tierhaltung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) vorgestellt.
Weil mit dem Klimawandel sommerliche Hitzeperioden immer häufiger werden und auch länger andauern, sind die Milchviehhalter gefordert, Vorkehrungen zu treffen, um Hitzestress für ihre Kühe zu vermeiden. Denn unter hohen Temperaturen leiden insbesondere Hochleistungskühe. Die Kühe fressen weniger und kauen weniger wieder. Damit steigt die Gefahr für Stoffwechselstörungen, es kann beispielsweise leichter zu einer Pansenazidose kommen. Sie ruhen weniger, sie geben weniger Milch verbunden mit geringerem Fett- und Eiweißgehalt und es steigt die Zellzahl, wodurch es zu mehr Euterentzündungen kommen kann. Hinzu kommen Fruchtbarkeitsstörungen, beispielsweise kann die Brunstdauer verkürzt sein.
Olaf Tober ist Experte für Tierverhalten und Stallklima bei der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern. Über Video-Schalte beschrieb er die Klimaentwicklung und wagte auch eine Prognose. Laut Deutschem Wetterdienst sei das vergangene Jahr in Deutschland das wärmste gewesen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Erstmals lag in Deutschland die Durchschnittstemperatur 1,6 °C über dem vorindustriellen Niveau, Messzeitraum zwischen 1881 und 2021. Das Tempo des Temperaturanstiegs hat in den letzten 50 Jahren deutlich zugenommen. Seit 1881 gab es in Deutschland nach dem Jahr 2000 die fünf wärmsten Jahre. Seit den 50er-Jahren stieg die Zahl der Sommertage mit mindestens 25 °C und die der Hitzetage mit 30 °C um das Dreifache. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland etwa 12,5 heiße Tage. Die Prognose von Olaf Tober: Laut einer Klimaprojektion des Deutschen Wetterdienstes für den Zeitraum 2071 bis 2100 kann die bodennahe Temperatur um 3,1 °C bis 4,7 °C steigen im Vergleich zum Bezugszeitraum 1971-2000.
Jede Kuh schwitzt anders
»Weil Kühe Kältetiere sind, bedeuten Temperaturen von über 25 °C Stress. Wenn dann noch eine hohe Luftfeuchtigkeit (mehr als 70 %) hinzukommt, sind sie zusätzlich belastet«, sagte Tober. »Der Wohlfühlbereich liegt zwischen 4 °C und 16 °C, was auch von der Milchleistung abhängt.« Die heutigen Hochleistungskühe erbrächten eine enorme Stoffwechselleistung, verbunden mit einer hohen körpereigenen Wärmeproduktion. Je mehr Milch eine Kuh gibt, desto höher sei ihre Wärmeproduktion: Je 10 kg Milch sinkt der kritische Hitzepunkt um 4 °C. Hinzu kommt die Verdauungswärme. »Es steigt die Köpertemperatur, die durch Schwitzen und Atmen nicht mehr ausreichend reguliert werden kann.« Weil der definierte Wohlfühlbereich aus den 1980er-Jahren stammt, gab Tober zu bedenken, dass damals die Kühe etwa nur 15 bis 20 kg Milch pro Tag gaben, heute würden sie das Doppelte geben.
Tober stellte die Untersuchungsergebnisse einer Versuchsherde mit einer durchschnittlichen Milchleistung von 41 kg/Tag vor. Den Kühen wurde ein Bolus in den Pansen eingelegt. Ausgewertet wurden die Ergebnisse von 31 Kühen:
– Weil die Kühe ihre Körperwärme an die Umwelt abgeben müssen, verändern sie ihr Verhalten. Die Zeit zum Fressen verringert sich bei 20 °C um etwa 70 Minuten (23 %) , folglich nehmen die Kühe weniger Futter.
– Weil die Herzfrequenz und deren Variabilität aussagekräftige Stress-Indikatoren sind, wurden auch diese im Januar, Juli und November gemessen.
Die Variabilität der Herzfrequenz ist ein Anhaltspunkt für die Fähigkeit, die Herzfrequenz den körperlichen Anforderungen, Hitzestress, anzupassen. »Im Bereich von 0 °C bis 10 °C tut sich nicht viel, aber bei 26 °C tut sich einiges. Die Kühe kommen nicht zur Ruhe«, erklärte Tober. Die Wärmebelastung beginne für Kühe, die 40 kg Milch am Tag geben, schon bei einer Stalltemperatur von 8 bis 10 °C.
– Die Formel 4 °C pro 10 kg Milch hat sich bestätigt.
– Die optimale Umgebungstemperatur ist kuhindividuell und hängt vom Stand der Laktation (Milchleistung) ab.
– Einen optimalen Bereich für die Umgebungstemperatur für eine ganze Herde kann es folglich nicht geben.
– Trockensteher sind mit Kühen vergleichbar, die 15 bis 20 kg Milch geben.
Was kann getan werden?
Es liegt am Tierhalter, bauliche und technische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die Hitzebelastung der Tiere im Sommer bestmöglich zu lindern. Welche das sein können, stellte der Architekt Peter Stötzel von der LfL vor. Er meinte, dass Stallbauen immer anspruchsvoller werde. In Bezug auf Hitzeschutz sollte es im Stall im Sommer während der Mittagszeit spürbar kühler sein als draußen. Besonders wichtig sei der Dachaufbau, beispielsweise einschalig oder mehrschalig, Ziegeldächer oder Blechdächer. Ein Gründach (Flachdach) mit Kiesdrainage hält den Stall angenehm kühler. Hinzu kommt der Sonnenschutz, zum Beispiel mit Dachüberständen, Lamellen und Bäumen. Sonnenschutzcurtains sollten weiß sein und sich elektronisch steuern lassen. Dachoberlichter oder nicht verschattete Lichtfirste heizen den Stall auf. In einem 2-Reiher-Laufstall steigen die Temperaturen aufgrund der größeren Fassadenflächen im Verhältnis zur Grundfläche etwas seltener auf Hitzestressniveau als bei 3- oder 4-Reihern.
In jedem Fall für ratsam hält Victoria Schmidt den Einbau von Ventilatoren und Kuhduschen. Sie ist eine Kollegin von Peter Stötzel. Ventilatoren erhöhen den Luftwechsel und sorgen für eine kühle Brise im Stall und sollten in Längsrichtung gehängt werden. Die Erhöhung der Luftgeschwindigkeit erleichtert den Kühen die Wärmeabgabe. Dazu müssen Luftgeschwindigkeiten von von 2 m/s (7,2 km/h) bis 2,5 m/s bei den Kühen ankommen. Die Kühe kommen sonst nicht in den Genuss des sogenannten Wind-Chill-Effektes. Luftgeschwindigkeiten von bis zu 5 m/s (18 km/h) haben für die Kühe in der Regel keine negativen Konsequenzen. Victoria Schmidt gab aber zu bedenken, dass dieser Wind-Chill-Effekt von Menschen so empfunden wird. Kühe haben aber eine andere Haut und ein Fell. Was für sie angenehm ist oder nicht, sei hier reine Spekulation.
Weiter stellt sich die Frage Vertikal- oder Axialventilatoren. Erstere sind große Deckenlüfter. Beide haben Vor- und Nachteile:
– Für einen (oder mehrere) Vertikallüfter spricht der geringere Stromverbrauch und sie sind leiser als Axialventilatoren. Ihr Nachteil: Oft erreichen sie nicht die Mindestluftgeschwindigkeit von 2 m/s.
– Für einen Axiallüfter spricht, dass sie einen gleichmäßigen Luftstrom mit hohem Druck erzeugen. Aber sie bewegen geringere Luftmengen.
Kurz mal duschen
Wenn Wasser verdunstet, wird es kühler. »Dieser Effekt kann auch genutzt werden, um die Stalltemperatur zu verringern«, so Victoria Schmidt, und sie stellte zwei Möglichkeiten vor:
1. Luftduschen. Mit hohem Druck gelangt fein vernebeltes Wasser (Hockdruckvernebelung) in den Stall. Schmidt gab zu bedenken, dass der Energieverbrauch hoch und diese Form der Luftduschen sehr wartungsintensiv ist.
2. Kuhduschen, die direkt die Kühe beregnen. Die Kühe werden nass bis auf die Haut, günstig für die ›persönliche Abkühlung‹.
Wichtig sei, dass ›trockene‹ Luft die Feuchtigkeit aufnehmen kann.
Beides – die Kuhdusche und die Hochdruckvernebelung – erhöht die relative Luftfeuchtigkeit und kann sich aber unter Umständen negativ auf die Stallhygiene auswirken. Wichtig ist deshalb, dass beide Systeme so gesteuert werden können, dass die Luftfeuchtigkeit nicht zu hoch wird.
Edith Luttner


